Kapitel 20 – Unverwundbar

Hinweis zum Inhalt:

Dieses Kapitel enthält akute Lebensgefahr, Ertrinkensangst, Unterkühlung, extreme Wettersituationen sowie Szenen von Angst und Kontrollverlust.

Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.


„Pauline ist was?“ Wylows Stimme war eine Tonlage zu schrill. Ihr Herz raste. Adrenalin schoss durch ihre Adern.

Jaalens orange Haut erleuchtete ihr Schlafzimmer. Lichter flackerten wie Feuer an den Wänden. Passend für ihren rasenden Puls. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen. 

Jaalen wiederholte mit ihrer sanften melodischen Stimme. „Sie ist gegangen. Sie verlässt die Ermittlungsgruppe aus privaten Gründen.“

Wylow schleuderte die Decke beiseite und sprang aus dem Bett. „Warum hast du sie nicht aufgehalten?“

„Weil es ihr Recht ist. Und weil es um ihre Fionon geht.“

„Und was ist mit ihrer Pflicht?“

„Wenn es deiner Fionon schlecht ginge. Wie weit würde deine Pflicht gehen?“

„Wenn meine Mama und meine Mutter sich nicht mehr gegenseitig pflegen könnten und wenn meine beiden Schwestern sich nicht mehr um sie kümmern könnten… Natürlich. Es heißt im Übrigen Mutter auch bei den Menschen.“

„Ja, entschuldige bitte. Natürlich ist es ihre Mutter. Und ihr geht es wohl schlecht. Und deswegen ließ ich sie gehen.“

Wie viel Vorsprung hat sie?“, knurrte Wylow. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und schnappte sich ihre Jeans, die unter der Decke lag.

„Was hast du denn vor?“

„Wonach sieht’s denn aus…?“ Wylow lehnte sich zurück, hob die Beine senkrecht in die Luft und zog sich zappelnd die verknotete Jeans über. „Ich werde sie zurückholen!“

„Warum? Es war ihr freier Wille und sie ist sich der Konsequenzen bewusst. Die Erde wird Ersatz schicken.“

„Quatsch Jaalen. „Deutschland“ schickt ganz sicher keinen Ersatz. Und wenn, dann einen Sesselfurzer. Wir brauchen Pauline. Sie ist…“

„Wir brauchen sie? Oder du?“ Jaalen dehnte das Wir übertrieben.

Wylow zog ihr Nachthemd aus und warf es der Sneef ins Gesicht.

Das Shirt prallte an Jaalens Schutz ab und rutschte langsam herunter. Dabei entblößte es ihr breites Grinsen.

„Sie ist unbestreitbar eine Zierde der einheimischen Ermittlungsbehörden, Wylow. Und ich liebe ihr Schlürfen beim Frühstück. Aber sie hat eine Entscheidung getroffen und die…“

„Die Entscheidung ist scheiße, Jaalen! Das stinkt zum Himmel. Ich will nicht mehr AEE sein, wenn da nicht die Umbra ihre Klauen drin hat!“

„Dass die Umbra hier illegal Männchen deiner Spezies hält und Experimente mit ihnen durchführt, ist eine Sache. Aber Berlin manipulieren? Die Theorie halte ich doch für sehr gewagt. Doch ich habe dazu eine gute Spur erhalten, die ich eigentlich mit Pauline erörtern wollte.“

Wylow drehte sich von der Sneef weg und hielt die beiden Enden ihres BHs auf ihrem Rücken. „Kannst du bitte?“

Jaalen bewegte zwei Finger und die Schnallen verschlossen sich von selbst.

Wylow riss die Kleiderschranktür auf. „Wir sind kurz davor, die Umbra zu überführen. Wenn du weitere Infos hast, gut.“

„Keine Infos. Aber eine Quelle. Doch dazu müsste ich Grönland verlassen. Ich müsste auch nach Berlin.“

„Warum bist du dann noch hier?“ Wylow zupfte ihre Brüste zurecht und griff nach dem dicken schwarzen Pullover.

„Ich lass eine liebestrunkene Drill nicht alleine unter schwachen Menschen.“

„Liebestrunken? Ich glühe nicht und mein Verstand ist klar! Ich bin weit weg von meiner Brunft…“ Wylow stockte. Jaalen meinte gar nicht ihre Brunft. Sie blickte Jaalen an. Die grinste schon wieder. Wylow verdrehte genervt die Augen.

Wylow murmelte betrübt: „Sie hat ein Männchen zu Hause. Eins mit Gewalt in den Augen. Sicher das Richtige für sie. Und Pauline ist nicht…“ Das Ende des Satzes stach ihr ins Herz, noch bevor sie es aussprach. Sie biss sich auf die Lippe, schmeckte Blut. „Wann ist sie aufgebrochen?“

Jaalen schwieg.

Wylow schob ihren Kopf durch den Pullover und fixierte die Inquisitorin. „Jaalen. Wann ist sie aufgebrochen?“, wiederholte sie ihre Frage langsam und knurrend.

„Gestern Abend schon.“

„Was bei Reissers Zahn…?“ Sie schob wütend ihre Arme durch den Pulli, ballte eine Faust.

„Du warst weg und sie schien erleichtert, sich nicht von dir verabschieden zu müssen… Wenn ich dich gestern Abend schon informiert hätte, dann hätte ich zwei gute Ermittlerinnen verloren.“

Wylow ging auf Jaalen zu, drohte mit der Faust. Doch Jaalen spiegelte den Zorn nicht einmal zurück, noch zuckte sie mit der Wimper. Als Drill reagierte man auf eine Konfrontation. Doch die Sneef nicht. Sie war keine Gefahr für die Inquisitorin. Und das machte Wylow noch wütender. „Du hast gar keine verloren, Jaalen. Du hast uns bewusst fallen gelassen.“ Ihre Stimme kalt und schneidend. Sie warf sich Jacke und Rucksack über die Schultern und rannte nach draußen.

Jaalen rannte hinterher. Doch an der Tür blieb sie zurück. Mit bebender Unterlippe sah sie Wylow nach. Sie begriff wohl, dass individuelle Freiheit, Gift für ein Team werden konnte.

Was war das nur für ein dummes Gefühl, das in Wylows Herz gärte? Sie rannte durch den Sturm. Ihre Handschuhe gaben mit einem Reißen nach. Kalter Wind biss plötzlich in ihre Fingerspitzen. Sie hatte die Unterhandschuhe für ihre Krallen vergessen! Sie wollte so schnell weg von Jaalen, um bloß keinen Konter zu kassieren. Dabei hatte sie die Prüfung ihrer Ausrüstung vergessen.

Pauline zu suchen. Nur das zählte jetzt. Für die Unterhandschuhe war es jetzt eh zu spät. So hatten nun ihre Thermohandschuhe je fünf wunderbare Entlüftungslöcher.

Wylow sog die eisige Luft durch ihre Nase. Trotz der stechenden Kälte, suchte sie nach Düften. Hoffentlich den ihrer Partnerin. Sie roch ein Dutzend Hunde, davon ein Drittel weiblich, einen älterern, männlichen Inuit und Pauline. Besonders mit ihrem Orchidee-Duschgel. Die Düfte lagen fest auf dem Boden. Doch bei dem Sturm konnte Wylow nicht wie ein Dackel schnüffelnd, nach Tasiilaq aufbrechen. Sie musste Pauline überholen und ihr die kindische Flucht austreiben. Sie griff in ihre Tasche nach dem schweren, runden Artefakt. Sie fühlte die Sollbruchstelle. Sie dachte intensiv an den Hubschrauber-Landeplatz von Tasiilaq und zerbrach die Münze.

Ein Ring öffnete sich und zeigte in seinem Inneren, fast dasselbe Bild wie außen herum. Schneesturm. Eiskristalle von links nach rechts. Nur im Kreis schossen sie von rechts nach links. Wylow schritt entschlossen hindurch. Wenn sie doch nur selbst Portale erzeugen könnte. Doch die Sneef war keine Option. Jaalens Kräfte wären in der Sturmhölle schnell aufgebraucht.

Wylow stapfte, so schnell sie nur konnte ins Dorf und stieß die Tür des Sheriffs auf.

„Lieutenant? Was machen sie hier in Tasiilaq?“ Der Sheriff blickte überrascht von seinem Teller auf.

„Hallo Sheriff Kristensen. Meine Partnerin ist auf dem Weg hierher. Ich muss sie sehen, bevor sie nach Kulusuk weiterreist. Haben Sie schon was von ihr gehört?“

„Wer? Die Sneef?“

„Nein. Die Menschin. Kommissarin Faust. Sie wollte hierher.“

„Wir haben seit gestern keine einzige Nachricht mehr von Sermilik erhalten. Und Schlitten kam auch keiner hier an. Es ist aber auch noch früh.“

„Sie ist gestern Abend schon aufgebrochen.“

„Was? Bei Nacht? Mit Verlaub… Spinnt Ihre Partnerin? Untiefen, Schneewehen, Schollen, Sicht und nicht zu vergessen Eisbären. Da fährt man nicht nachts!“

„Spinnen? Pauline? Mag sein. Vielleicht steckt eine halbe Drill in ihr und sie ist in der Brunft…“, Wylow grinste schief. „Nein. Um ehrlich zu sein, wurde sie genötigt, schnell nach Berlin zu reisen.“

„Na dann werde ich Sie enttäuschen müssen. Bei dem Sturm wird heute kein Flug gehen. Da hätten Sie mehr Glück mit Regenbogen-Tours.“

Der Sheriff starrte mit Wylow in Richtung Sermilik. „Wer führt den Schlitten?“

Wylow funkelte ihn an. „Da der Schlitten kein Nummernschild hatte, kann ich es nicht sagen, Sheriff. Inuit, alt, dick.“

„Trifft auf fast jeden Schlittenführer…“

„Zwölf Hunde, vier Weibchen, acht Männchen.“

„Ah Tekkeitsertok. Der alte Knochen wird Ihr Schätzchen schon wohlbehalten herbringen.“

„Kann ich ihm entgegenfahren?“

„Es gibt einen nördlichen und einen südlichen Pass. Wenn Sie den falschen nehmen…“

„Schon verstanden. Ich warte auf sie.“

Stunden vergingen. Der helle Sturm wurde zu einem dunklen. Wylow bekam ihre Nase einfach nicht unter Kontrolle. Jedes Mal, wenn sie raustrat hob sich ihre Nase von selbst. Salz, Fisch. Der alte Sheriff hinter ihr und das gute Dutzend Menschen, die im Laufe des Tages hier schon durchmarschiert waren. Aber kein einziges Molekül von Pauline.

Etwas in ihr zog und drückte, ein Knoten tief im Magen, den kein Sturm der Welt lockern konnte. Und ein Stich im Herzen, der sie zu irgendetwas anspornte. Doch wozu? Das sagte das blöde Herz natürlich nicht.  Es wäre klüger gewesen, der Duftspur zu folgen. Doch dafür war es jetzt zu spät. Es gab kein Zurück mehr.

Sie hätte längst eintreffen müssen. Es musste etwas passiert sein. Also besorgte sie sich einen Motorschlitten und ein Gewehr.

„Seien Sie doch vernünftig. Das macht keinen Sinn, Frau Naphas! Alleine werden Sie es nicht schaffen. Egal wie überlegen Sie sind“, brüllte Sheriff Kristensen. Er zog den Kragen hoch.  Der Wind zerriss seine Stimme.

Wylow sah ihn nicht an. Ihr Blick hing im Weiß, wo Pauline hätte sein müssen. Ihre Kapuze bebte, der Sturm zerrte an einer Strähne. Sie suchte in dem Schneetreiben nach einem Echo, einer Spur, einem Geruch. Nichts. Nur Kälte.

„Dann fahr ich alleine.“ Ihre Stimme war rau, fremd in ihren eigenen Ohren. „So kann ich meine Fähigkeiten besser nutzen. Bleiben Sie am Funk. Ich melde mich, wenn ich sie finde.“

Kristensen murmelte noch etwas, doch Wylow hörte es nicht mehr. Sie schwang sich auf den Motorschlitten, das Gewehr auf den Rücken geschnallt und gab Gas. Ihre Haut brannte unter dem Pullover. Endlich tätig werden.

Zwei Atemzüge später verschluckte der Sturm die Stadt, und der Schlitten entführte sie knatternd in die dunkle Einöde. Dorthin, wo Pauline vielleicht noch lebte.

Es ging nur langsam voran. Sie konnte die Hand kaum vor Augen sehen. Schneewehen entwickelten sich zu tückischen Eisschollen, die ihren Schlitten umzuwerfen drohten. Alle zehn Minuten blieb sie stehen, befreite ihre Nase, um zu wittern. Danach zog sie ihren Tracker aus der Tasche, der auf allgemeine Handyfrequenzen eingestellt war.

Kein Signal. Also weiter. Nach der ersten Stunde Fahrt merkte Wylow die Kälte auch in ihr. Gänsehaut unter den Isoschichten und kurze Zitterschübe. Ihre Fingerspitzen wurden taub. Wenn sie schon auskühlte, wie stand es dann um Pauline?

Nach einer weiteren Stunde ergebnisloser Suche stellte sie den Schlitten ab. Sie stellte sich auf die Sitzbank, befreite ihre Nase und schnupperte. Eis, ionisierte Luft, Meer, Fisch, Algen. Kein Hund, kein Mensch, kein irgendwas. Ihre Nase brannte vor Kälte und sie zog den Schal wieder über das Gesicht. Sie schnappte frustriert das Funkgerät. „Wylow an Tasiilaq! Tasiilaq kommen!“

Der Funk rauschte. Dann ein erleichterndes Knacken. „Tasiilaq hört. Hier Sheriff Kristensen!“

„Ist die Kommissarin inzwischen angekommen, Sheriff?“

„Negativ Ermittlerin. Aber Sie kommen nur noch abgehackt hier an. Sie sollten sich nicht weiter entfernen!“

„Ich fahre einen Bogen, dann kehre ich um. Wylow Ende.“ Ein Knoten bildete sich wieder in ihren Eingeweiden. Ihre Sinne schrien dagegen, Pauline aufzugeben. Doch was nutzte es ohne eine Spur hier im Dunkeln zu tappen.

Sie erweckte den Motor knatternd zum Leben. Ein letzter Blick auf ihren GPS-Empfänger. Dann fuhr sie los. Schnee schlug gegen ihre Brille und versperrte ihr ständig die Sicht. Doch was war das in einer nachlassenden Böe? Hatte sie da ein Heulen gehört?

Sie nahm Gas weg, der Schlitten kam zum Stehen. Sie stellte sich auf die Bank des Schlittens und lauschte.

Der Wind pfiff um ihre Ohren. Doch da! Ein Heulen! Sie riss sich den Schal vom Gesicht und schnupperte. Ja! Hunde! Ein ganzer Haufen! Wylow holte tief Luft, hielt ihre Hände an den Mund und heulte aus Leibeskräften. Zwei kräftige Heuler mit verändernder Tonlage.

Mehrere Hunde antworteten ihr. Ihr Heulen veränderte sich von langgezogenen Klängen zu hektischen hohen Fiepsern. Immer mehr Hunde reihten sich in das Heulen mit ein.

Vor Freude ließ sich Wylow auf den Sitz fallen und wollte gerade den Motor starten, da gab das Eis unter ihrem Schlitten nach. Die Scholle brach auf und drehte sich auf dem Wasser zur Seite weg.

Panisch sprang Wylow vom Schlitten, doch es war zu spät. Der Motorschlitten kippte in die Fluten und zerrte Wylow mit sich.

Wie ein Stein sank sie in die Tiefe. Das Wetter konnte mich nicht knacken, also tut es das Meer. Die Unverwundbare Naphas. Ein Stein auf dem Grund vor Grönland. Was für ein Witz

Wylow paddelte mit den Armen, doch die glitzernde Wasseroberfläche über ihr entfernte sich mit jeder Sekunde.

Da berührten ihre Füße den steinigen Meeresgrund. Für einen Herzschlag war da nichts – nur Kälte, Druck, und Leere.

Sie erinnerte sich an die Krallenabdrücke des Männchens, tief eingeritzt auf dem Meeresgrund vor Sermilik. So hat er überlebt, schoss es ihr durch den Kopf. Mit Muskelkraft und langem Atem!

Wylow stieß sich so fest sie nur konnte vom Grund ab. Trotz der schweren Kleidung schoss sie wie ein Fisch durchs Wasser, dem Eis entgegen. Sie stieß an die Unterseite des Eises. Hier war der Panzer jedoch fest. Ihre Handschuhe glitten über die glatte Fläche, suchten Halt. Doch ihre Finger waren von der stundenlangen Kälte so taub, dass sie ihre Krallen nicht strecken konnte. Die glatten Fingerspitzen fanden keinen Halt und griffen ins Leere. Schon zerrte die Schwerkraft sie wieder in die Tiefe. Da wusste sie es. Nicht Muskeln. Nicht Mut. Nur nackter Wille hält dich oben. Sie kämpfte die Angst nieder, zwang ihr Herz ruhiger zu schlagen. Hörte nur auf den Puls. Immer langsamer. Wieder berührten ihre Füße den Boden.

Die Lungen brannten. Sie wollte atmen. Egal wie viel Wasser um sie war, doch sie zwang sich zur Ruhe. Sie riss sich die Handschuhe herunter, überdehnte ihre Finger, bis sich die Krallen spreizten und stieß sich erneut ab. Die Arme durchgestreckt, glitt sie zum Eis zurück. Die Kälte biss in die nackten Hände, aber diesmal fand sie Halt. Ihre Krallen schnitten ins Eis und sie fand Halt.

Ihre Krallen waren zwar nicht so groß und stark, wie die eines Männchens, doch zum Festklammern reichte es. Sie schlug mit der freien Hand gegen die Barriere. Das Eis dröhnte, doch es hielt. Wylow glaubte an einen schlechten Witz. Sie schlug erneut. Nichts. Ihre Lungen protestierten. Ein unbändiger Zwang, Luft holen zu wollen, stieg in ihr hoch. Luftblasen entwichen ihren Lippen. Sie krallte sich fest. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in wilden vergeblichen Atemreflexen. Ihr Körper wollte aufgeben. Bilder rasten durch ihren Kopf: Pauline, im Schnee, allein, ohne sie. War es das? Starb sie hier – ohne sie jemals erreicht zu haben?

Nein. Nicht so. Nicht heute. Du hast nur einen Versuch Mädchen. Versau es nicht, schallten die Worte ihrer Ausbilderin durch ihren Verstand.

Mit letzter Kraft riss sie das Gewehr frei, schoss ins Eis. Splitter sprangen, Wasser strömte zurück. Ein Atemloch! Sie presste die Lippen dagegen, stieß den letzten Rest Kohlendioxid aus und sog neues Leben ein.

Die Luft schmeckte nach Eisen und Schnee – und nach Wahrheit. Unverwundbar war sie nie gewesen. Aber auch zu dickköpfig um zu sterben.

Jetzt hatte Wylow Zeit, das Loch des Schlittens zu finden. Noch ein tiefer Zug, dann krallte sie sich am Eispanzer entlang, bis sie zu der schwachen Stelle im Eis kam. Ein Schlag, und das junge Eis, das sich bereits wieder gebildet hatte, war durchstoßen. Hustend und prustend zog Wylow sich wieder an die Oberfläche. „Toll gemacht, Mädchen. Alleine bist du echt besser dran …“, murmelte sie erschöpft.

Doch es war keine Zeit zu verlieren. Ihre Ausrüstung war auf dem Grund, ihre Kleidung durchnässt und eisig. Zum Glück heulten die Hunde unentwegt. Zittrig antwortete sie, um die Richtung nicht wieder zu verlieren.

Wylow zitterte erbärmlich. Jede Sekunde riss der Wind Wärme aus ihrem Körper. Sie zog die nasse Kapuze tief ins Gesicht. Sie musste aus den nassen Sachen raus, aber im Sturm würde sie nackt keine fünf Sekunden überleben.

Wann immer Wylow die Orientierung verlor, heulte sie, und die Antwort der Meute wies ihr den Weg. Die Hunde wurden lauter. Das war ein gutes Zeichen. Ihr eigenes Heulen wurde jedoch immer leiser und krächzender. Was war mit Pauline? Sie hatte in der ganzen Zeit nicht das geringste Zeichen von ihr gehört. War sie verletzt? Sorgen stiegen wie Magensäure in Wylow hoch. Sie stolperte, fiel hin, rappelte sich wieder hoch, orientierte sich neu. Obwohl die Eisklumpen an ihren Beinen immer schwerer wurden, war ihr Wille ungebrochen. Pauline war nur noch wenige Meter entfernt.

Da sah sie den Schneehügel. Hunde wuselten herum. Der Hügel wurde zu einer Schlittenkufe. „Pauline!“ Die Hunde wedelten, sprangen umher – auch sie hatten sich im Leinengewirr verheddert. Keiner konnte sich frei bewegen. Wylow hetzte zum Schlitten. Da lag sie, halb von Schnee, halb vom umgestürzten Gefährt verdeckt.

Wylow riss die Felle weg, drückte den Schlitten beiseite und befreite Pauline von der Last. Sie lebte, war aber noch kälter als sonst.

Wylows Kleidung wurde immer schwerer. Das Wasser gefror und machte jede Bewegung fast unmöglich. Sie riss sich die gefrorene Jacke vom Körper. Sie zitterte heftig, doch sie gab nicht auf. Sie breitete das erste trockene Fell auf dem Schnee aus und legte Pauline darauf. Dann packte sie die restlichen Felle darüber und schlüpfte selbst darunter. Auch Paulines Kleidung war nass. Sie zog der Kommissarin die nassen Teile aus und legte sie an Paulines Fußende. Ein letztes Mal kroch sie hervor in den schneidenden Sturm und schnitt die Seile durch. Die Hunde waren frei und konnten sich endlich selbst retten.

Zitternd schlüpfte Wylow wieder unter die Felle. Sie entledigte sich ihrer eigenen nassen Kleidung, legte sie zu den anderen Sachen und fror erbärmlich. Dann packte sie Pauline, drehte sie zum kleinen Löffel und schmiegte sich eng an die kleine Menschenfrau. Sie schlang ihren Arm um sie. Wärme kroch von ihrem Bauch durch ihren Körper. Pauline tat gut. Als Wärmequelle, als Frieden für ihr quälendes Herz.

Etwas stieg auf Wylows Schultern, dann auch auf ihre Hüfte. Die Hunde legten sich einer nach dem anderen an und auf den Berg aus Fellen. Ihre Körper strömten Hitze aus – ein Rudel, das beschlossen hatte, sie beide am Leben zu erhalten.

Wylow atmete tief durch. Sie hatte den Tod gesehen, das Eis zerschlagen und die Kommissarin wiedergefunden.

Pauline lag still in ihren Armen, ihr Herzschlag pochte schwach gegen Wylows Hand.

So klang Leben. So klang Sieg.


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