
Kapitel 21 – Kalter Hauch
Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel enthält Krankenhaus- und Verletzungsbeschreibungen, Atemnot, die Folgen schwerer Gewalt sowie emotional herabwürdigendes Verhalten innerhalb einer Familie.
Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.
Desinfektion in der Nase. Kiki blinzelte ins Neonlicht. Piepsende Monitore. Ihr Hals schmerzte. Ihr Mund war trocken. Ein Kabel schmiegte sich kalt an ihr Handgelenk, Schläuche verschwammen zu Linien unter der Bettdecke. Ein Schatten stand in ihrem Zimmer, richtete sich auf und griff nach seiner Handzelle. Sie verstand kein Wort. Ihr Hirn wollte noch nicht zuhören. Aber es musste ein Kollege sein. Der Schatten wurde zu einer Uniform. Doch mehr auch nicht. Die Anstrengung zwang ihren Kopf wieder in die Kissen.
Kurz darauf stand ihr Stiefvater an ihrem Bett. Polizeioberrat Prinz. Wie immer in Ausgehuniform. Sein Old Spice hing in der Luft wie eine Vorwarnung. Halt dich fern, oder der POR hat dich an den Eiern. Wie oft hatte ihr Stiefvater sie schon an den Eierstöcken? Zu oft.
„Hallo, Katharina.“ Er hatte es absichtlich so gesagt, scharf wie ein Messer, verachtend. Seine Kiefermuskeln spannten sich. „Du hast nicht auf deine sechs geachtet?“
Ihre sechs? Ach ja. Der Rücken, klar. Vom Einkaufen nach Hause kommen. Da muss man ja jederzeit mit einem Überfall rechnen. Doch ihr Mund war so trocken und kratzig, dass ihre Antwort zu anstrengend werden würde. Sie holte tief Luft, fixierte die blauen Augen.
„Hallo, Peter…“ Ihre Stimme kam rau, fremd. Allein für seinen Vorwurf würde sie ihrem Stiefvater nicht die Genugtuung geben. Zumal es noch nie gepasst hatte. „…vermutlich.“
Er schnaufte, der Schnurrbart zitterte. „Du sollst mich doch Vater nennen.“
„Und du sollst mich Kiki nennen. Nur mein Vater darf mich Katharina nennen!“ Ihr Hals brannte mit jedem einzelnen Wort. Jeder Atemzug stach in ihre Seite.
Ihr Stiefvater atmete schwer. Sein Atem, noch geschwängert von der Zigarre, die er vor dem Krankenhaus geraucht haben musste, bitzelte in Kikis Nase.
„Dein Vater ist tot, weil er auch nicht auf seine sechs geachtet hat, Katharina. Aber er liegt wenigstens auf dem Ehrenfriedhof. Er hat einer Familie das Leben gerettet im Einsatz. Und du? Hast Hundefutter gekauft. Das wird mal auf deinem Grabstein stehen. Gefallen im Dienst, weil sie einen Hund adoptierte.“
„Auf deinem Grabstein wird stehen…“, sie hustete. „…er war ein Arsch.“
Er sah auf die Geräte, dann zurück auf sie. „Wenn du so weitermachst, wirst du nicht mehr in den Genuss kommen, den zu sehen.“
„Drohst du mir?“
„Ich will dich wachrütteln, Katharina. Die Welt ist gefährlich. Und mit den neuen Besuchern noch viel mehr. Du musst wissen, wer auf deiner sechs steht und wer nicht.“
„Na du wohl nicht, Peter.“
„Ich und das gesamte PK stehen hinter dir, Katharina. Jeder Kollege ist auf der Jagd nach dem Einbrecher, der dich töten wollte. Die Spuren sind dürftig. Keine Kamera konnte etwas aufzeichnen. Weder in der Umgebung, noch in deiner Wohnung. Dunkel gekleidete Person ist dürftig.“
„Ihr habt wirklich alle Kameras geprüft?“ Ihre Kehle kratzte. Sie hustete.
„Was meinst du? Wir haben zwei Kameras gefunden. Beide mit Lack geschwärzt. Du hast noch mehr in deiner Wohnung?“
„Ja. Ich hab…“ Kiki hustete stärker. Rosa Schaum landete auf ihrer Decke.
„Was ist los? Blut?“
Peter spannte sich. „Deine Lunge wurde perforiert. Die Ärzte mussten eine Drainage legen, um das ganze Blut und die Luft aus dem Brustkorb zu kriegen. Der Flügel war komplett kollabiert. Mit den Vernarbungen wirst du den Belastungstest für den Streifendienst nie wieder bestehen. Deine Laufbahn als Einsatzpolizistin ist vorbei, Katharina. Was ist jetzt mit deinen Kameras?“
Kikis Herz klopfte bis zum Hals. Sie hatte was gemacht? Sie atmete schwerer. Und mit jedem Atemzug wurden die Stiche in ihrer Brust deutlicher. Die Nähte, die Schnitte, die halbe Luft. Ihre Welt schwankte. War es wahr? War ihre Karriere jetzt ein Schreibtisch in der Verwaltung? Ihre Finger krallen in die Bettdecke. Tränen rollten über ihre Wange.
„Ich…“ Sie versuchte, das Wort zu formen, aber es kam nur ein Keuchen. „Samy? Ist Pauline informiert?“
„Bleib im Hier und Jetzt, Katharina. Die Kameras.“
„Teddykamera. Über meinem Bett…“
Peter verzog angewidert das Gesicht. „Muss ich mir Sorgen machen, dass mich meine Tochter bloßstellt?“
Kiki reagierte darauf gar nicht mehr. Zu oft war sie schon der Bremsklotz seiner Karriere, weil sie nicht normal liebte.
„Sag Pauline Bescheid. Sie muss gewarnt werden. Und Samy…“
„PK Faust wurde gestern informiert. Vermutlich ist sie bereits auf dem Weg nach Hause.“
„Gestern?“
„Über den Unfall ihrer Mutter und deren Geisteszustand.“
Ihr Stiefvater legte eine Hand auf ihre Hüfte, wachsam, fast väterlich. Doch nie so, wie sie es gebraucht hätte. „Erhol dich. Wir regeln das. Ich lass gleich mal prüfen, ob deine Fetischkamera überhaupt noch da ist. Vielleicht finden wir was.“ Die Worte waren korrekt. Leer.
Kiki nickte und schloss die Augen wieder. Die Schritte seiner polierten Lackschuhe hallten noch in ihren Ohren, nachdem die Tür bereits wieder in ihr Schloss gefallen war.
In der Stille des Zimmers hallte das Piepen des Monitors, langsam, unaufhörlich. Sie dachte an Samy, an die Wohnung, an den zersplitterten Flur. Wütend griff sie nach dem Rufknopf. Sie drückte ihn immer wieder, bis endlich die Schwester auftauchte.
„Frau Prinz. Haben Sie Schmerzen?“
„Ich brauche ein Telefon!“
„Sie sollten sich ausruhen. Soll ich dem Polizisten Bescheid geben?“
„Ein Telefon. Nur kurz. Danach werde ich brav sein. Doch so lange ich nicht telefoniere, werde ich…“, sie hustete rosa Schaum auf ihr Laken. „…nicht aufhören zu nerven.“
Die Schwester blickte kurz zur Tür. „Also gut. Aber machen Sie kurz.“ Sie reichte Kiki ihr Handy.
Kiki wählte die Nummer. Doch es ging nur Lines Anrufbeantworter dran. Es tat so gut, ihre Stimme zu hören. Auch wenn es nur aufgezeichnet war.
„Dies ist der automatische Anrufbeantworter von Pauline Faust. Derzeit befinde ich mich am kältesten Ort der Erde und wahrscheinlich bereits die Finger abgefroren. Deswegen hinterlasst mir hinterlasst mir einen netten Nachruf, oder was ihr sonst auf dem Herzen habt. Tschüssi.“
Ein Piep. Kiki weinte. Sie legte auf. Die Schwester nahm ihr langsam das Handy aus der Hand. „Frau Prinz… lassen Sie sich Zeit. Sie müssen jetzt erst einmal gesund werden. Ich schaue später nochmal nach Ihnen.“
Und wieder war Kiki allein mit dem piepsenden Monitor. Allein mit ihren Gedanken, was jetzt kommen musste. Entscheidungen, Aussagen, Ärzte, Verhöre. Alles auf einmal. Sie wusste, dass die nächsten Tage nicht zum Lachen waren. Und dass sie damit leben müsste.
Die Nachtlampe flackerte über ihr. Kikis Augen zuckten auf. Ein leises, metallisches Klicken an der Tür. Die Klinke senkte sich langsam, als würde eine unsichtbare Hand sie drücken. Ein leises Kratzen, dann schwang die Tür einen Spalt auf.
Niemand war draußen auf dem Flur zu sehen. Nur das leise Lachen der Stationsschwester und eines Kollegen hallte von der fernen Station herüber. Ein hüfthoher Schatten schlüpfte herein.
Ein leises Stupsen. Braune Augen glommen vom Fußende herauf. Um zwei Uhr nachts hatte eine junge schwarze Husky-Hündin es geschafft, unbemerkt durch die riesige Charité zu schleichen.
„Samy…?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Wie bist du hier reingekommen?“ Sie blickte zur Tür. Stimmen von der Stationsschwester und einem Mann im neckischen Ton durchbrachen die nächtliche Stille auf der Station.
Samy sprang aufs Bett, drehte sich einmal und rollte sich zusammen. Warmes Fell berührte Kikis Füße, Wärme, die durch die sterile Kälte des Zimmers schnitt. Samy legte den Kopf ab, sah sie weiter an.
Eine Träne löste sich aus den dunklen Hundeaugen. Sie rann über das Fell, tropfte auf die weiße Decke.
Kiki blinzelte, unsicher, ob es die Träne wirklich gab. Doch Samy blieb, still, treu – und in Kiki wuchs zum ersten Mal seit dem Erwachen so etwas wie Hoffnung.
Zwischen Schmerz und Stille atmete sie. Nur ein kalter Hauch – aber ihrer. Und eine kalte feuchte Hundenase, die ihre Hand berührte.
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