Kapitel 10 – Die Tiefe von Sermilik
Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel enthält eine Verfolgungsszene, Hinweise auf einen Todesfall sowie einzelne vulgäre Formulierungen.
Der Wind biss Pauline ins Gesicht, während sie Jaalen über den festgetretenen Schnee zur Unterkunft folgten. Pauline zog den Kragen höher und kniff die Augen zusammen. Der Atem brannte in ihrer Lunge.
Die Unterkunft, auf die Jaalen zuhielt, war ein flacher Bau aus Holz, bunt gestrichen, als wollte es der Ödnis Grönlands trotzen. Warmes Licht fiel aus den Fenstern auf den Schnee davor. Es malte goldene Quadrate in den Schnee.
Wylow drückte die Tür auf, ging durch, hielt aber inne. Sie hielt die Tür so lange fest, bis auch Pauline hindurch war.
Warme Luft schlug Pauline entgegen.
Ein kleiner Windfang. Jacken hingen dicht an dicht an Haken, tropfende Handschuhe, schwere Stiefel. Es roch nach nassem Stoff. Diesel. Hund.
Pauline zog ihre Handschuhe aus. Die Finger prickelten unangenehm, als die Wärme zurückkam.
Der Flur dahinter war schmal. Holz unter den Stiefeln. Über Heizkörpern lagen Socken, Pullover, eine Hose. Alles roch nach feuchter Wolle. Wylow rümpfte die Nase, während sie die Hose passierte. Dahinter verschwand sie wortlos in einer Tür auf der linken Seite.
Jaalen ging weiter den Gang hinunter, lautlos wie immer.
Am Ende des Flurs wartete eine Tür. Ihr Zimmer.
Ein Bett. Ein kleiner Tisch. Eine Dusche. Pauline ging hinein, ließ die Tasche fallen und atmete aus. Zumindest ein Ort, an dem niemand zusah. Sie schloss die Tür hinter sich. Mehr brauchte sie gerade nicht. Sie packte ihre Tasche aus. Dann ging es unter die Dusche. Sie legte ihre Kleidung auf den Hocker und stellte Duschgel, Shampoo, Conditioner und Rasierer bereit. Im Haus war es warm. Doch nackt unter der Dusche prickelte die Luft merklich.
Das erste heiße Wasser traf ihre Schultern wie ein Schlag. Der Frost aus ihren Knochen wich langsam. Dampf sammelte sich im Raum. Wenigstens konnte hier niemand zusehen. Der Gedanke ließ sie kurz schnauben.
Als ob das einen Unterschied machte. Wenn die Sneef wirklich wollte, konnte sie sie wahrscheinlich durch drei Wände hindurch scannen. Pauline stützte die Stirn gegen die Fliesen. Verdammt, Line. Ein Mann liegt irgendwo draußen im Eis – und du denkst darüber nach, ob dich jemand beim Duschen sehen kann.
Sie beeilte sich. Es war keine Zeit für Genuss.
Später saß sie auf dem Bett, ein Handtuch um ihre nassen Haare gewickelt, und klappte den Laptop auf.
Fred nahm nach dem dritten Klingeln ab. Schweißnass, im Trainingsshirt. Hinter ihm standen Hanteln auf dem Boden, und auf dem Küchentisch stapelten sich Trinkbecher und Geschirr.
Pauline kannte dieses Bild. Kaum war sie unterwegs, verwandelte sich die Wohnung wieder in sein Fitnessstudio.
„Na, Grönland.“
Pauline lächelte schwach.
Fred war sofort im Redefluss. Wie viel er heute gedrückt hatte. Wie schnell er auf der Kampfbahn war. Sneefs. Drills. Sie solle auf sich aufpassen. Mit dem Rücken zur Wand schlafen. Die Aliens wollten Menschen sowieso nur ficken.
Pauline hörte kaum zu.
Nach zwei Minuten war er schon wieder weg.
„Ich muss los.“
Der Bildschirm wurde schwarz. Pauline klappte den Laptop zu.
Sie hatte ihn anrufen wollen. Fred war ihr Mann. Also rief sie an. So einfach war das. Doch kaum war sein Gesicht auf dem Bildschirm erschienen – schweißnass, zwischen Hanteln und Chaos – hatte sie gewusst, dass es wieder genauso laufen würde wie immer.
Ihr Magen knurrte. Sie hatte Hunger. Sie schlüpfte in ihre Kleidung und suchte nach etwas Essbarem.
Die Küche der Station war warm. Jemand hatte Suppe auf dem Herd gelassen. Sie füllte sich eine Schüssel und setzte sich.
Jaalen war kurz da, nahm ein paar Nüsse aus einer Schale und verschwand wieder. Wylow tauchte gar nicht erst auf. Pauline hatte gehört, dass Drills Mineralien als Hauptnahrung zu sich nahmen. Steine. Manchmal rohes Fleisch. Kein Wunder, dass Wylow die Küche mied.
Ein Candlelight-Dinner würde mit beiden schwierig werden. Für Jaalen war vielleicht ein Eichhörnchen ein passender Partner und für Wylow… ein Geologe vielleicht?
In der Küchentür stand plötzlich ein Mann. Er hatte noch Schnee auf seinem Parka und brachte Kälte rein. Er sah nervös aus. Ohne Umschweife sprach er Pauline an.
„Da draußen war letzte Nacht etwas“, erklärte er mit schwerem Akzent, während er nervös an seiner Mütze nestelte. „Die Hunde haben gejault, und heute früh… der Zaun.“
„Was für ein Zaun?“ Pauline ging mit ihm zum Windfang und warf ihre Jacke über.
„Der am Nordrand. Er ist verbogen. Als hätte etwas Starkes ihn aufgestoßen. Es war kein Nanoq.“
„Nanoq? Was?“
„Eisbär. Frau Kommissarin…“ Erschrocken sah sich Pauline um. Die Sneef hatte sich zu ihnen gesellt. An sie hatte Pauline gar nicht mehr gedacht. Paulines Blick haftete an der Kleidung der Sneef. Sie trug eine kleinkalibrige Waffe über ihrem Mantel auf der Brust. „…in der Sprache der Kalaallit.“
Verdammt. Die Sneef war professioneller als sie selbst. Ihre eigene Waffe war unter mehreren Lagen Stoff versteckt. Unwillkürlich tastete sie nach ihr.
Bevor Pauline die Waffe besser positionieren konnte, tauchte Wylow neben ihnen auf und hatte schon die Handschuhe angezogen. „Na los. Sehen wir’s uns an.“ Wenigstens waren die Beiden auf Zack. Das musste Pauline ihnen lassen.
Und so standen sie keine Stunde später draußen im Wind, Schnee knirschte unter den Stiefeln, das Dorf blieb als grauer Fleck zurück. Am Rand, wo das Metallgitter den Hang hinunterlief, wartete das, was der Mann gemeint hatte: verbogene Streben und frische Spuren im Schnee. Die Spuren konnten nur von Händen mit langen Krallen stammen. Kein Eisbär hatte Hände.
Der Schnee war kein Schnee mehr – eher eine zerdrückte Decke aus Kristallen, die bei jedem Schritt knackte. Pauline hasste das Geräusch. Es verriet sie, machte sie hörbar für alles, was hier draußen noch lebte.
„Wartet.“ Wylow gab mit einem Wink zu verstehen, dass sie alle hinter dem Wind stoppen sollten. Sie kniete nieder und schnupperte am Zaunpfosten. Pauline betrachtete die Drill. Wylow war konzentriert am Schnuppern. Ihre Nase bewegte sich hin und her, blähte sich, rümpfte sich. Ja, mit viel Fantasie konnte man eine Ähnlichkeit zu Hundenasen nicht leugnen. Der Atem stand wie Rauch vor Wylows Gesicht. „Frisch. Vielleicht zwei Stunden. Hat länger verweilt. Vielleicht hat er überlegt?“
Pauline schob sich vor, starrte in den Schnee. Für sie war das nur ein dunkler Abdruck.
„Ein Hund,“ murmelte sie. „Großer Schlittenhund vielleicht?“
„Nein.“ Wylow grinste, als hätte sie einen Witz gehört, den Pauline nicht verstand. „Die Pfote ist länger. Muss mehr Gewicht tragen. Er läuft schwer.“
Pauline knirschte mit den Zähnen, wollte schon kontern, als ihr Blick hängen blieb. Ein Zaunelement, am Rand der Siedlung, war verbogen, als hätte etwas mit Gewalt hindurchgedrückt. Metallfasern standen ab wie gebrochene Knochen. Ihr Herz machte einen Sprung. „Was war hinter dem Zaun?“
„Ransmand – Rentiere – aber alle sind ausgebrochen.“
„Nein…“ murmelte Pauline. „Sie wurden befreit…“
„Da!“ Jaalens Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Die Sneef zeigte nicht auf den Boden, sondern in die Ferne, dorthin, wo die Schneefläche in graue Hügel überging. Pauline sah – nichts. Nur Weiß.
Doch dann, mit zusammengekniffenen Augen, entdeckte sie es: ein schwarzer Punkt, fast zu weit, um real zu sein. Ein Schatten im Schnee. Sie wurden beobachtet.
Pauline spürte, wie sich ihre Muskeln spannten. „Jetzt haben wir ihn.“
Sie setzten sich in Bewegung. Erst langsam, dann schneller. Pauline sprang über ein Drahtstück, rutschte die Schräge hinunter, hielt das Gleichgewicht wie im Parcour. Wylow schoss neben ihr vorbei, nahm den Zaun mit einem Satz, als sei er nichts. Jaalen? Sie wirkte, als würde sie tanzen. Eine Drehung, ein Sprung – und sie war einfach da, auf der anderen Seite, das Mantelrot ein kurzer Blitz im Grau.
Pauline schnaufte, beschleunigte, fühlte den Wind in der Lunge brennen. Mit jedem Schritt wurde ihr Körper lebendiger. Jetzt war sie keine Beobachterin mehr, keine Fremde zwischen zwei Außerirdischen. Jetzt war sie Jägerin.
Der Schatten vor ihnen bewegte sich. Größer, näher, schwarzes Fell gegen weißen Schnee.
Und plötzlich wusste Pauline, dass dies kein Training mehr war. Sie jagten einen waschechten Drill.
Immer weiter hechteten sie dem Riesen hinterher. Der Drill rannte abwechselnd auf zwei Beinen, dann wieder auf allen Vieren. Dabei schlug er Haken. Besonders, wenn Jaalen einen Portalring in seiner Nähe öffnen wollte, sprang er in die entgegengesetzte Richtung.
Der Drill rannte in Richtung Küste. Jetzt haben wir ihn! Wylow war am nächsten dran. Sie sprang auf ihn zu. Doch das Männchen hatte nur aus einem Grund gestoppt.
Er drehte sich zu seinen Verfolgern um und Pauline traf es wie einen Faustschlag mitten in den Magen. Ein schwarzer Hundekopf mit wachen hellbraunen Augen. Weit aufgerissen, die Ohren angelegt. Doch im nächsten Atemzug holte er Schwung für einen gewaltigen Satz in die Fluten. Pauline kam keuchend neben Wylow zum Stehen. Ihr Herz raste, sie hatte ihn fast schon in den Händen gesehen – und dann sprang er einfach. „Er… hat sich einfach ins Wasser gestürzt…“
Jaalen konzentrierte sich, dann begann sie zu schweben. Über das Wasser.
„Was? Fliegen können die auch?“ keuchte Pauline, ungläubig über das, was sie sah.
Wylow fixierte weiter das Wasser. „Nicht fliegen. Sie bewegen Materie mit ihren Kraftfeldern. Ist aber anstrengend. Schau auf ihre Fühler.“
„Ich kann ihn nicht sehen! Er muss sehr tief tauchen!“ kam Jaalens feine Stimme durch den steifen Wind. Und tatsächlich. Jaalens Fühler zitterten vor Anstrengung und verloren sogar ihre Leuchtkraft.
„Nein. Die können nicht schwimmen. Sind zu schwer. Das ist Selbstmord“, brüllte Wylow der Sneef zu.
Pauline starrte Wylow an. „Die können nicht schwimmen?“
„Nein. Wir ernähren uns hauptsächlich von Mineralien. Steinen, wenn du so willst. Das macht uns zu wahnsinnig schlechten Schwimmern, aber guten Ankern.“
„Wusste er das auch?“
„Offensichtlich nicht.“ Wylow fixierte das Wasser und die treibenden Eisschollen. Doch nirgends war auch nur der Hauch eines schwarzen Fells zu sehen.
„Ist der Fall damit abgeschlossen?“ Pauline hoffte auf ein Nein. Es fühlte sich einfach nicht rund an.
„Erst wenn ich seinen schwarzen Arsch auf einem Obduktionstisch habe. Wie gesagt: Gute Anker. Er muss hier auf dem Grund liegen.“
Pauline atmete innerlich auf und dachte: Der Fall verspricht doch noch interessant zu werden. Und nicht nur der Mord. Was würden ihre Partnerinnen noch so an Informationen preisgeben?
„Na dann besorge ich mal ein Boot und einen Taucher, der den schwarzen Marmorarsch an die Sonne befördert.“
Wylow konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Und wenn er nicht dort unten sein sollte, hätte ich auch noch einen anzubieten.“
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