Kapitel 11 – Unter fremdem Licht
Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel enthält eine Verfolgungsermittlung mit Gewaltbezug, eine nicht einvernehmliche körperliche Nähe zwischen Figuren sowie einzelne vulgäre und sexualisierte Formulierungen.
Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.
Der Wind peitschte gegen ihre Fensterläden. Pauline saß am Fenster, blätterte durch die verschwommenen Unterwasseraufnahmen. Der heiße Tee wärmte ihre Finger und vertrieb die Kälte aus ihrem Bauch.
Dieses Wetter nervte. Und ihr Kopf schrie nach Taten. Sie warf die Fotos auf den Tisch und zog ihre Laufschuhe an. Im Flur sah ein Forscher sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Doch das war ihr egal. Sie ging in den Heizungskeller. Ein kleiner Raum war als Fitnessstudio ausgewiesen. Er hatte weniger Gewichte, als Fred zu Hause, aber ein Laufband stand in der Ecke. Also steckte sie sich ihre Knöpfe in die Ohren, drehte die Musik auf und lief los. Schnell verschwand der Raum und machte ihren Gedanken Platz.
Keine Leiche, kein Drill auf dem Grund der Bucht. Nur Krallenabdrücke an den Felsen. Die Taucher hatten nichts am Grund der Bucht gefunden. Er hatte sich wohl vom Grund abgestoßen. Doch warum? Er hatte es nicht an die Oberfläche geschafft. Das hätten doch Jaalen und Wylow bemerkt.
Als Pauline verschwitzt wieder in ihr Zimmer zurückkehrte, wirbelte draußen Schnee über die Küste. Schlieren von Staubfahnen fegten über das Eis. Der Drill war verschwunden – und doch schien er ihnen näher als zuvor. Noch eine heiße Dusche und dann ging es an die Straßenarbeit. Sie genoss das heiße Wasser auf ihren Schultern. Der Heizungskeller und der Geruch nach altem Schweiß weckten Erinnerungen an Fred und gemeinsame Trainingsstunden. Ihre Finger wanderten wie selbstverständlich über ihren Körper. Doch die Spannung, das Ziehen, kam einfach nicht in ihr auf. Der Stress musste ihrer Libido wohl einfach zu stark zugesetzt haben; oder Fred. Enttäuscht drehte sie das Wasser ab.
Draußen herrschte Unruhe. Pauline blickte aus dem Fenster mit der Zahnbürste noch im Mund und einem Arm in ihrer Hausjacke. Hunde bellten, Kinder schrien aus einer unerklärlichen Angst heraus, und der Mann mit dem Parka, der sie gestern zum Zaun geführt hatte, winkte hektisch, während er auf die Unterkunft zulief. Schon hörte sie seine Stiefel über den Flur poltern, bis er vor ihrer Tür zum Stehen kam. „Kommissarin? Kommen Sie! Sie müssen das sehen!“ Pauline sprang in die Stiefel und warf sich die dicke Thermojacke über. Jaalen und Wylow kamen in den Windfang, da sie den Aufruhr wohl mitbekommen hatten. Frust stand in den Gesichtern der beiden Ermittlerinnen, genauso wie in Paulines Gesicht.
Er führte sie zwischen zwei Schlitten, wo die Bretter eines Lagerschuppens aufgestoßen waren. Darin: zerwühlte Decken, Steine mit Bissspuren – und etwas, das Pauline wie ein Schlag traf. Ein Fetzen Papier.
Schnell streifte sie sich Latexhandschuhe über und hob ihn vorsichtig auf. Es war kein normales Papier. Dünn, fast durchsichtig, aber zäh wie Kunststoff. Auf der Oberfläche: tiefe Kratzer, Zeichen, die wie eine Mischung aus Runen und krakeliger Kinderschrift wirkten. Das hatte sie doch schon einmal gesehen. Doch wo?
„Ein Brief?“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst. Ihre Gedanken kreisten während sie den Brief in einen Spurenbeutel schob.
„Ja.“ Wylows Stimme war ernst. „Das ist Drial. Es muss von diesem Männchen sein. Die Kratzspuren auf den Folien sind eindeutig.“
Pauline strich mit dem Handschuh über den Beutel um die Kratzer besser sehen zu können. Worte in einer Sprache, die sie nicht lesen konnte.
Wylow stand hinter ihr. Sie legte ihren Kopf auf Paulines Schulter.
„Ich bin nicht wie die Brüder. Sie beißen, sie reißen. Ich esse Fisch, ich esse Steine. Es genügt. Macht satt. Ich will nicht Blut jagen.“
Sie übersetzte den Brief und las ihn laut vor, damit Jaalen seinen Inhalt auch kannte. Während Wylows kräftige Stimme, tief und samtig, nah an ihrem Ohr vibrierte. Pauline konnte sich einen Schauer durch die Berührung nicht verkneifen.
„Gestern bin ich in das Dorf gegangen. Menschen haben mich nicht gesehen. Ich habe den Geruch gesucht, Papier, Tinte. Dann habe ich Blut gerochen. Viel Blut.
Ich habe meinen Bruder gesehen. Er hielt einen Mann. Er hat ihn gebrochen wie Holz. Der Mann schrie kurz. Dann war er still. Ein Deutscher. Ich weiß, weil er mit lauter Stimme rief. Ich habe Angst bekommen. Ich bin weggelaufen.“
Der Wind riss ihr fast den Fetzen aus der Hand. Pauline schützte ihn unter der Jacke, während ihr Herz raste. Ein Drill, der Briefe schrieb? Das passte zu gar nichts, was sie bisher über diese Wesen gelernt hatte. Die Bücher lügen. Oder dieses Ding lügt. Aber es schreibt von Angst und Brüchen.
Wylow griff mit einer Hand an Paulines Bauch, mit der anderen nach dem Spurenbeutel, hielt die obere Ecke so, dass sie den Rest übersetzten konnte.
Pauline spürte den Druck von Wylows Brüsten gegen ihre Jacke. Ein Ziehen vom Bauch wanderte tiefer, zwischen ihre Beine. Sie blinzelte, wehrte sich gegen die Signale ihres Körpers. Tat sie als Wunsch nach Muskeln ab.
„Ich schreibe dir, Leiterin. Du musst wissen. Ich will nicht sein wie sie. Ich will bleiben, ich will denken. Ich will kein Tier sein.
Wenn du das liest, dann bin ich noch da. Bitte, lies.
„Er war hier“, murmelte Jaalen. Ihre Fühler zuckten, leuchteten matt. „Nicht als Tier. Als jemand, der dachte.“
„Und er ist nicht allein. Er spricht von Brüdern. Mehreren Männchen. Wenn das wahr ist…“ Wylows Hände glitten zurück, ließen Pauline endlich frei. In Wylows Gesicht spiegelte sich zum ersten Mal echte Nervosität.
Pauline sah sie an, suchte Widerspruch, fand aber nur den Sturm. Schneekristalle peitschten über den Platz, krochen unter den Kragen.
Und irgendwo da draußen, zwischen Meer und Hügeln, wusste sie, war er noch. Vielleicht nicht tot. Vielleicht wartete er.
Ein Donnern ging durch die Eisfläche, als eine Scholle krachte. Die Menschen des Dorfes drängten sich enger zusammen.
Pauline schloss die Faust um den Brief. Zum ersten Mal seit Beginn dieses Einsatzes war sie sicher: Das war größer als ein einzelner Mord.
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