Kapitel 17 – Schwarzes Fell, rotes Blut
Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel enthält einen plötzlichen Überfall, drastische körperliche Gewalt, Verletzungsdarstellungen und Blut.
Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.

Die Spurensicherung an Lines Haustür hatte nichts ergeben. Eine Nachbarin hatte lediglich einen „relativ“ normalen Mann mittleren Alters davonrennen sehen. Der Hartmetallstift und die Tür ergaben keine Fingerabdrücke, die dem Einbrecher zuzuordnen gewesen wären.
Also machte Kiki Feierabend. Im Fachgeschäft noch schnell Hundefutter, quietschendes Spielzeug, ein Hundekissen und diverse Leinen gegriffen, dann ab nach Hause.
Kiki stellte ihren Dienstwagen in ihre Parkbucht, schnappte sich die Akte, das Hundefutter, die Einkaufstüten und Samys Leine. Vollbepackt wie ein Lasttier ging es mit dem Aufzug nach ganz oben.
„So, Samy, gleich hast du es geschafft. Dann sind wir zu Hause. Ich bin gespannt, was du zu deiner neuen Dachterrasse sagst.“
Samy wedelte freudig und wuffte.
Die Tür des Aufzugs glitt auf, und irgendetwas stimmte nicht. Es roch scharf. Chemisch. Nicht nach Putzmittel. Eher nach frischem Lack.
Doch das Stockwerk war gut einzusehen. Nichts war ungewöhnlich. Frau Yilmaz hatte ihre Schuhe vor der Tür abgestellt, und Herr Müller hatte wieder viel zu früh seine Osterdekoration aufgehängt. Kiki ging zu ihrer Tür am Ende des Flures. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, doch er wollte nicht so richtig passen.
Noch bevor sie ihn drehen konnte, flog die Tür nach innen auf.
Eine Klaue packte Kiki am Kragen und riss sie in die Wohnung.
Kiki flog durch den Flur und krachte auf ihren Glastisch mit der Porzellanvase. Das Glas zerplatzte. Scherben schnitten durch ihre Jacke und in ihre Hände. Der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen.
Hinter der Tür stand die Drill von Emmas Unfallstelle. Ohne den Mantel wirkte sie noch massiver. Eine lackschwarze Frau mit schneeweißen Augen. Fast zwei Meter groß, mit breiten Schultern und einem Körper aus Muskeln.
Sie schlug die Tür so hart zu, dass der Futterbeutel, der zwischen Tür und Angel geraten war, mit einem dumpfen Knall platzte. Trockenfutter spritzte über den Flur.
Samy blieb draußen.
„Tut mir leid, meine schöne Polizistin, aber leider hast du deine niedliche Nase zu tief in die Sache gesteckt.“
Kiki sah sich um. Ihre Wohnung war bereits verwüstet. Alles sah nach Einbruch aus. Die Kamera über der Eingangstür war mit schwarzer Lackfarbe besprüht worden. Daher der Geruch. Ihre Wertsachen lagen gesammelt auf einer Decke.
„Wer hat dich geschickt?“
„Das brauchst du nicht mehr zu wissen.“
Die Drill war so schnell, dass Kiki den Schlag kaum kommen sah. Sofort war da die gebrochene Rippe. Dann das feuchte Rasseln. Dann der metallische Geschmack im Mund.
„Der Unfall …“ Kiki hustete. Blut sprenkelte auf den Boden.
„War fingiert. Deine dummen Männchen erkennen eine Desintegration durch den Ereignishorizont eines Portals nicht mal, wenn man es ihnen erklärt. Für sie war es nur ein Loch im Asphalt.“
Die Drill packte Kiki und schlug ihr ins Gesicht. Kikis Nahkampfkurse lohnten sich nun doch. Ohne nachzudenken, riss sie den Arm hoch und fing den Schlag mit Schulter und Oberarm ab. Trotzdem traf die Faust mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Dumpf knackte etwas in ihrem Oberarm. Wenigstens nicht mein Gesicht.
Dafür kam der Tritt zwischen ihre Beine umso heftiger. Der Schmerz schnitt durch ihr Bewusstsein wie ein Schwerthieb. Kikis Atmung setzte aus.
Wieder wurde sie durch die Wohnung geschleudert. Direkt gegen die Mauerkante zwischen Wohnzimmer und Flur. Kiki sah nur noch Sternchen.
Im Rand ihres Blickfelds schoss etwas Schwarzes heran.
Kiki verstand nicht, wie Samy in die Wohnung gekommen war. Die Tür war zu gewesen.
Im nächsten Moment stand die Hündin über ihr. Das schwarze Fell gesträubt, den kleinen Körper zwischen Kiki und die Drill gestellt, als wolle sie den Weg zu ihr mit sich selbst versperren.
Samy knurrte.
Nicht wie ein Welpe. Tiefer. Dröhnender. Mit einem zischenden Unterton. Und mit einer Modulation, die fast an Sprache erinnerte.
Die Drill blieb wie angewurzelt stehen.
Sie hatte Angst vor Samy.
„Eine … Barger?“
Stimmen waren im Treppenhaus zu hören. Die Zeit lief der Drill davon. Sie schnappte sich die Akte aus Kikis Tasche und rannte auf die Terrasse zu. Von mir aus. Dann spring doch sieben Stockwerke tief. Kiki ließ sich auf den Boden sinken.
Die Drill sprang wirklich. Doch statt eines Aufschlags folgte nur ein sirrendes Geräusch. Wie bei einer Abseilübung.
Samy drehte sich sofort zu Kiki um, leckte ihr übers Gesicht und drückte sich knurrend an sie, als müsste sie sich vergewissern, dass sie noch lebte.
„Gutes Mädchen …“
Kiki hustete und spuckte Blut auf den Teppich. Schaumiges Blut.
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