Kapitel 14 – Kiki bei Pauline
Kiki stellte den Audi auf dem Parkplatz ab, als Frederick endlich abnahm.
„Was geht, Frau Polizeioberrat Prinz?“
Kikis gute Laune brach in sich zusammen. Sie mochte es nicht, wenn Fred ihren Stiefvater erwähnte. Sie hatte Peter für ihrer Karriere nicht gebraucht. Egal was der Flurfunk behauptete.
Sie blickte zu Samy, die sie gerade bei Emma abgeholt hatte. Der Hund saß seitdem schwanzwedelnd neben ihr auf dem Beifahrersitz.
„Auch dir einen guten Morgen, Fred“, versuchte sie freundlich zu erwidern.
Doch Fred schien ein Gespür für sie zu haben. „Sorry Kiki. War doch nur Spaß. Auch dir einen guten Morgen… obwohl ich schon einen Hindernissparcour Schwimmtraining und Gefahrenrettung hinter mich gebracht habe. Was treibst du so? Steht das LKA noch?“
„Stör ich dich?“
„Nein nein. Combat 5-7. Nur ein langweiliges Kräftemessen der besten Polizisten Europas. Wir haben die Polen schon so gut wie im Sack. Was kann ich für dich tun?“
„Ich will den Vorgang Wasserleiche abholen. Pauline hatte dich informiert?“
„Ja klar. Du weißt wo wir wohnen?“
„Ich stehe schon vorm Haus. Von deiner Schwiegermutter habe ich den Schlüssel bekommen.“
„Cool cool. Dann geh einfach rein. Mi casa es su casa. Line hat dich ja schon förmlich eingeladen.“
Kiki schnaufte. „Du musst mir die Anlage abschalten, Fred. Eure Alarmanlage.“
„Es gibt einen Code, den Einsatzkräfte von der Zentrale erhalten. Dein Daddy könnte ihn dir doch geben.“
„POR Prinz würde ich deswegen nie fragen.“ Kiki kniff sich in den Nasenrücken. „Kannst du BITTE die Anlage abstellen?“
„Reg dich doch nicht gleich so auf, Kiki. War doch nur Spaß. Die Anlage ist kaputt. Ist Milch drüber gelaufen. Kannst mit dem Schlüssel rein.“
Kikis Verstand raste. Schon wieder Milch?
„Will ich wissen, wie Milch eine Alarmanlage beschädigen kann?“
„Nein.“
„Gut. Ich geh schnell rein und hol den Vorgang. Der Tresor ist im Schlafzimmerschrank?“
„Ja. Du hast die Kombination?“
„Ja hab ich.“ Kikis Blick fiel auf Samy. „Du hast von Emma gehört?“, wechselte sie das Thema.
„Ja…“, antwortete Fred deutlich ernster. „Neues Auto geschrottet. Nun muss ich mich um die Versicherung und ein neues Auto kümmern…“
„Sie ist im Krankenhaus…“
„Ist auch gut so. Dort ist sie erstmal in guten Händen. Auch was ihre Demenz betrifft.“
„Das ist deine Schwiegermutter.“
„Ja und das ist ihr Glück. Ohne uns käme sie gar nicht mehr zurecht. Du kennst ihre Phasen.“
Kiki kam die Galle hoch. „Emma ist eine ganz liebenswürdige Frau. Sie hat den Tod deines Schwiegervaters nicht gut verarbeitet. Das ist alles. Da muss man doch nicht so herablassend sein!“
„Wenn du so gut mir ihr kannst, nimm du sie doch in deine Obhut. Ist mir nur recht. Weißt du was? Ich muss hier mal weiter machen. Im Gegensatz zum LKA haben wir wirklich was zu tun. See you.“
Mit einem Jingle gab der Audi zu verstehen, dass die Verbindung abgebrochen wurde.
Samy knurrte den Monitor an.
Kiki starrte den Hund an. „Findest Du auch, dass Fred ein Arsch ist?“
Samy wuffte und wedelte wieder mit dem Schwanz.
Kiki streichelte das schwarze Fell. „Gutes Mädchen. Dann lass uns den Vorgang holen.“
Kiki schloss die Tür auf. Mit Samy an ihrer Seite betrat sie Lines Wohnung. Sie schaltete das Licht ein, weil alle Rollläden fest verschlossen waren. Gelbe Flecken über der defekten Alarmanlage erklärten das “Milchdilemma”.
Kiki hatte Chaos und Heimeligkeit erwartet, so wie Line nun mal war, doch das traf auf diese Wohnung gar nicht zu. Im Gegenteil. Die Wohnung war so sauber, man hätte vom Boden essen können. Abgesehen von den Flecken an der Wand.
Paulines Doppelhaushälfte in Neu-Tempelhof war ungewöhnlich eingerichtet. Im Wohnzimmer standen verschiedene Trainingsgeräte. Von der Decke hingen Boxsäcke und Punching Bälle.
Kiki ging nach oben. Dort sollte das Schlafzimmer der Faust sein. Am oberen Bad stockte sie. Im Bad war eine Unordnung, die gar nicht zum Rest des Hauses passen wollte. Schminke, Puder, Kajalstifte lagen achtlos auf dem Boden. Auf dem Rand des Waschbeckens ein verschmierter Rest einer grell orangenen Paste.
Kiki ging zum Schlafzimmer. Das zwei Meter breite Aktbild ihrer Kollegin. Die Schwarz-Weiß Aufnahme war ästhetisch und von einem Profi abgelichtet. Line im Profil kriechend.
Kiki wollte schon wieder wegsehen, als ihr Blick am Hals hängen blieb. Ein breites schwarzes Halsband. Sie musste zweimal schlucken.
Sie schüttelte den Kopf.
Auf Lines Nachttischschränkchen stand ein Bilderrahmen. Darin ein Kalenderblatt. Lines Hochzeitstag, der vierundzwanzigste Mai mit einem Spruch: „Wenn du keinen Mann findest, ist das nicht schlimm. Dann machst Du dir eben ein schönes Leben.“ Mit Filzstift darunter: „Gutschein: Mit deiner Kollegin saufen, wenn er wieder den HT vergisst. Von deiner Quoten-Lesbe“
Sie erinnerte sich an den Tag. Line hatte sich mal wieder über ihren Mann beschwert, dass er mal wieder den Hochzeitstag vergessen hatte und ausgerechnet dieser Spruch stand an dem Tag auf ihrem Kalenderblatt. Das musste ein Zeichen sein, dachte sie damals. So kritzelte sie ihren Gutschein darunter und legte ihn Line wortlos auf den Tisch. Sie hätte nicht gedacht, dass sie das Blatt aufgehoben hätte. Geschweige denn neben ihr Bett legen würde. Vielleicht war es eine Art Anreiz für Fred und sie, den Hochzeitstag nicht mehr zu vergessen.
Auf Freds Seite lag ein angebrochener Streifen Viagra und eine aufgerissene Kondom-Packung.
„Oh nein!“, entwischte es ihr.
Samy kam ins Schlafzimmer, schnüffelte an der Packung und wuffte wieder.
„Das haben wir nicht gesehen, Samy. Okay?“
Samy wuffte bestätigend.
Sie öffnete den Schlafzimmerschrank und den darin eingebauten Tresor. Ein müffelnder Gestank nach vergorener Milch schlug ihr entgegen. Der Deckel des Vorgangs hatte sich gewellt und gelb verfärbt. Gerade als sie den Vorgang aus dem Safe nahm, hörte sie Geräusche an der Tür. Kein Schlüssel. Eher ein Kratzen… Samy schlug an. Sie bellte aus Leibeskräften, dass es in halb Tempelhof zu hören war.
Kiki zog ihre Dienstwaffe und rannte zur Tür. Doch niemand war zu sehen. Nur ein Hartmetallstift vor der Tür. Profi-Werkzeug. Jemand hatte versucht bei zwei Polizisten einzubrechen.
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