Kapitel 19 – Aus dem Sturm geschnitten

Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel enthält extreme Wettersituation, akute Bedrohung, körperliche Gewalt, Angst und Kontrollverlust.
Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.
Wütend schlug Pauline den Hörer auf die Gabel. Das Plastik knackte.
„Das kann vorkommen, Frau Prinz.“
Erst blickte sie den Bürgermeister an, dann ihr Handy. Kein Netz. Das Display starrte sie leer an, als wäre das Gerät mitten im grönländischen Eis gestorben. Sie konnte weder ihre Mutter noch Kiki erreichen. Berlin war Lichtjahre entfernt.
„Wie ich es Ihnen gesagt habe, Frau Kommissarin. Der Sturm macht uns zunehmend Probleme.“ Bürgermeister Sören stand neben ihrem Schreibtisch und knetete nervös seine Strickmütze.
„Ich muss gehen, Sören. Meine Mutter hatte einen Unfall. Sie braucht mich.“
„Und wer übernimmt die Ermittlungen? Der Mord an der Wissenschaftlerin—“
„Soll doch Jaalen die Leitung übernehmen“, unterbrach sie ihn, während sie den Rucksack über die Schulter warf. „Zumindest, bis Berlin Ersatz schickt.“
Sören blockierte die Tür. „Seien Sie vernünftig. Mit dem Gespann brauchen Sie mindestens zwei Tage bis Tasiilaq. Bei dem Wetter ist das Selbstmord.“
„Danke für die Fürsorge, aber ich brauche keinen Rat. Ich brauche nur Tekkeitsertok und seine Hunde.“
Sören sah sie einen Moment lang an, enttäuscht von ihrer Härte, dann trat er beiseite. Er verstand es nicht. Er konnte nicht wissen, dass Familie das Einzige war, was Pauline nach all der Kälte noch zusammenhielt.
Pauline knipste das Licht aus. Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte ihre Hand auf dem Schalter. Die Polizistin in ihr sträubte sich, diesen ungelösten Fall zurückzulassen. Dann schloss sie die Tür, trat hinaus und das Eis fraß jeden Gedanken an Pflicht.
Der Sturm interessierte sich nicht für ihre Not. Er schlug ihr wie eine gefrorene Wand entgegen, riss an ihrer Kapuze und peitschte Schnee über ihr Gesicht wie eiskaltes Schmirgelpapier. Die Flocken waren keine Flocken mehr, sondern Nadeln. Pauline zog die Schutzbrille tief, den Mundschutz hoch, und stapfte los.
Am Lagerplatz wartete Tekkeitsertok bereits. Keine Worte. Nur ein stummes Deuten auf den Schlitten. Pauline legte sich hinein, und der Kalaallit schlug die schweren Felle über ihr zusammen, verschnürte die Lederriemen mit erfahrenen, festen Griffen. Sofort schrumpfte ihre Welt. Sie war kein Passagier mehr; sie war Gepäck. Eingekerkert in Dunkelheit und den intensiven Geruch von feuchtem Tierhaar. Nur eine handbreite Luke im Fell ließ sie den querpeitschenden Horizont erahnen.
Was würde Wylow wohl denken, wenn sie Paulines leeres Bett vorfand? Würde sie wütend werden? Möbel werfen? Was für ein Bild. Wylow im Nachthemd, schleuderte ein Bett. Pauline runzelte die Stirn. Zu Hause hätte sie exakt dasselbe Bild gefeiert – nur eben mit Fred im Unterhemd, der das Holzgestell packte. Die gleiche massive Stärke, die gleiche Reichweite, dieselbe Lust daran, von ihm dirigiert zu werden. Der einzige verdammte Unterschied waren volle Brüste. Was dachte sie da überhaupt? Sie schüttelte im Dunkeln den Kopf. Ihre Mutter zählte jetzt. Nicht die lesbische Drill Polizistin, die ihren Verstand zu vergiften drohte.
Ein Peitschenknall zerteilte das Heulen des Windes. Die Hunde jaulten auf, und der Schlitten schoss vorwärts.
Die Zeit verlor jede Bedeutung. Das Schwarz der Nacht ging in ein schmutziges, konturloses Grau über – das war alles, was Grönland an diesem Morgen als Erwachen anbot. Durch den engen Spalt sah Pauline ab und zu den Leithund: ein dunkler, stoischer Fleck im weißen Nichts. Tekkeitsertok stand wie eine leblose Statue hinten auf den Kufen, die Kapuze voller Reif. Seine kurzen, harten Kommandos wurden vom Wind verschluckt, noch ehe sie die Hunde erreichten.
Dann – ein Ruck, der ihr die Wirbel stauchte.
Der Leithund stoppte abrupt. Ein empörtes, panisches Jaulen pflanzte sich durch das Gespann fort, als wären die Tiere gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen. Der Schlitten schlingerte, stellte sich quer. Pauline hörte das hölzerne Ächzen der Kufen, als Tekkeitsertok den Schneeanker in das Eis rammte.
„Was ist los?!“, schrie sie gegen das Tosen an, doch ihre Stimme erstickte im Stoff ihres Mundschutzes.
Sie wollte sich aufrichten, doch die Lederriemen hielten sie wie Fesseln am Boden des Schlittens. Durch die Luke sah sie Tekkeitsertok nach vorne stapfen, seine Silhouette verschwamm sofort im wirbelnden Weiß. Der Wind schien lauter zu werden. Ein hämisches, lautes Kreischen.
Und dann erstarren die Hunde.
Kein Winseln mehr. Kein Jaulen. Nur die starre, atemlose Stille von Beutetieren, die das Raubtier wittern. Ein kaltes Kribbeln kroch Paulines Wirbelsäule hinauf. Stille im Packeis bedeutete den Tod.
Vorne beim Leithund verzerrte sich Tekkeitsertoks Gestalt. Pauline blinzelte gegen die Eiskristalle auf ihrer Brille. Das war nicht der Jäger. Die Silhouette war zu groß. Zu geschmeidig. Zu breit.
Ein tiefes, kehliges Knurren vibrierte durch das Holz des Schlittens. Es war kein Hund. Es war das Grollen eines Drill-Männchens.
Im nächsten Moment explodierte die Meute. Hunde warfen sich kreischend durcheinander, bissen in ihre eigenen Stricke, versuchten in blinder Panik nach hinten zu fliehen. Der Schlitten wurde herumgerissen, hob ab, krachte zurück aufs Eis. Paulines Schulter schlug hart gegen die hölzerne Strebe. Sie sah Sterne.
„Verdammt—!“ Sie tastete nach ihrer Walther unter der Jacke, doch der enge Raum und die festgezurrten Felle blockierten ihren Arm. Ihre dick behandschuhten Finger rutschten ab, die Pistole glitt ihr aus der Hand und verschwand irgendwo im tiefen Spalt zwischen Holz und Plane. Sie war blind. Gefangen.
Ein gellender, nasser Laut durchschnitt den Lärm. Das Männchen hatte den Leithund erwischt.
Der Schlitten tanzte hilflos im Chaos der panischen Tiere. Pauline wurde hin und her geschleudert, als plötzlich ein peitschender Knall den Sturm übertönte. Kein normales Gewehrfeuer. Ein schweres Zischen, gefolgt von einem dumpfen Donnern, das den Boden erzittern ließ. Das schwarze Wesen da vorne wurde weggeschleudert, sackte lautlos im Schnee zusammen.
Jemand hatte geschossen. Jemand war hier.
Aus dem wirbelnden Grau löste sich eine Gestalt. Schwarz, aufrecht, das Gewehr wie eine natürliche Verlängerung des Arms. Die Haltung, die breiten Schultern, der leicht nach vorne geneigte Oberkörper – Pauline spürte, wie der mörderische Druck von ihrer Brust wich. Ihr Herz stieß schmerzhaft, aber voller Erleichterung gegen die Rippen.
Wylow. Die Drill hatte sie nicht im Stich gelassen.
„Wylow! Gott sei Dank!“, rief Pauline, und ihre Stimme brach in einem wackeligen Lachen. Sie streckte die Hand durch die Luke im Fell, suchte nach der rettenden Berührung im Nichts. „Hilf mir hier raus! Die Riemen klemmen!“
Die dunkle Silhouette kam näher. Schritt für Schritt, wie ein Messer, das aus einer Scheide gezogen wird. Eine schwere Hand griff hinab, packte Paulines ausgestrecktes Handgelenk.
Pauline wollte gerade erleichtert ausatmen – als die Krallen sich tief in ihr Fleisch bohrten.
Der Schmerz war sofort da, heiß und schneidend. Pauline riss die Augen auf. Durch das Sichtfenster starrte sie in ein Gesicht, das nicht Wylows war. Die Züge waren kantiger, roher. Und die Augen… die Augen waren falsch. Kalt. Schneeweiß glühend und völlig leer.
Ein Lächeln breitete sich auf den schwarzen Lippen aus. Ein Lächeln ohne jede menschliche Wärme.
„Na, das ist aber ein Zufall, Frau Kommissarin.“ Die Stimme war seidig. Zu kontrolliert für diesen Sturm. Todbringend.
Bevor Pauline begreifen konnte, rissen die Krallen der anderen Hand durch die schweren Schichten ihrer Hightech-Jacke, als wäre es dünnes Papier. Mit einer einzigen, unbändigen Bewegung wurde Pauline aus den Fesseln des Schlittens gezerrt. Stoff riss, Leder platzte. Sie wurde halb hochgerissen, halb durch den harten Schnee geschleift. Ihre Schulter brannte, warmes Blut schoss sofort in den Ärmel.
„Lassen Sie mich—!“, krächzte sie, trat um sich, doch ihre Stiefel fanden im Pulverschnee keinen Halt.
Die Attentäterin beugte sich über sie. Der heiße Atem der Drill verbrannte fast Paulines Wange, während die Schneeflocken auf der pechschwarzen Haut der Angreiferin sofort verdampften.
„Oh, Frau Kommissarin…“ Sie schnurrte, ein intimer, widerwärtiger Tonfall. „Ich bin doch schon so lange hinter Ihnen her. So viele schöne Spuren. Und doch war ich wegen dieses verfluchten Wetters nie nah genug.“
Die Drill legte den Kopf schief, musterte Pauline wie ein lästiges Insekt. Ihre Krallen wanderten sanft an Paulines Hals hinauf, schoben den Mundschutz beiseite, legten die nackte Haut frei. Es war kein blinder Wutanfall. Es war die präzise, eiskalte Routine einer Schlachterin.
„Ein paar Bissspuren“, hauchte die Drill und entblößte ein Raubtiergebiss mit riesigen, weißen Eckzähnen. „Und alle Welt wird glauben, es war ein Eisbär. Halten Sie still. Das macht es leichter für uns beide.“
Pauline fror das Blut in den Adern. Sie spannte jeden Muskel an, bereit für den tödlichen Biss – als die Hunde das Rettungsseil des Schlittens strafften.
Getrieben von der Todesangst vor den beiden Drills ging ein letzter Ruck durch das verbliebene Gespann. Die Hunde warfen sich gemeinsam ins Geschirr. Der schwere Holzschlitten bäumte sich auf wie ein lebendiges Wesen, schoss unkontrolliert vorwärts und rammte die Attentäterin von der Seite.
Der Aufprall riss die Drill von den Füßen. Ihr Griff um Paulines Handgelenk brach.
Die Welt überschlug sich. Pauline fiel rücklings in den wirbelnden Schnee. Sie griff verzweifelt nach allem, was vorbeischoss – ihre Finger erwischten eine der Kufen, verloren den Halt, rutschten ab, fingen sich im letzten Moment in einer der losen Lederstriemen, die vom Schlitten hingen.
Der Schlitten raste los, blind in den Sturm hinein, und zog Pauline hinterher.
Sie wurde über das harte, unebene Eis geschleift. Schnee drang ihr in den Kragen, in die Ärmel, in den Mund, bis sie nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Ihre verletzte Schulter brannte bei jedem Stoß, das Blut in ihrem Ärmel wurde durch die eisige Luft schlagartig taub und steif.
Hinter ihr erstarb ein Wutgebrüll, das kaum noch etwas Physisches an sich hatte. Dann schluckte die weiße Wand die Attentäterin komplett.
Pauline klammerte sich mit der Kraft der puren Verzweiflung an den Riemen. Der Schlitten war nur noch ein schemenhafter, dunkler Schatten im Weiß, getrieben vom blinden Instinkt der Tiere. Ihre Stimme ging im Tosen unter, als sie versuchte zu schreien.
Sie war allein. Mitten im Nichts. Und das Eis wartete nur darauf, dass sie losließ.
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