Kapitel 16 – Bruch in Weiß


Hinweis zum Inhalt:

Dieses Kapitel enthält verletzende und abwertende Sprache, emotionalen Kontrollverlust, familiäre Belastung sowie Hinweise auf Demenz und einen Krankenhausaufenthalt.

Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.


Pauline spürte nur ihr Herz schlagen. Kein Rauschen in den Ohren. Nicht einmal das Handy in ihrer Hand nahm sie richtig wahr.

„Sag das nochmal…“, kam es aus ihrem Mund. Ihre Gedanken rasten, versuchten es zu verstehen.

„Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt.“ Maiers Stimme war sanft, sorgenvoll. Sonst gar nicht seine Art. „…aber wundert‘s mich schon, dass die Prinz dir nichts gesagt hat. Zumal sie sogar den Unfallort deiner Mutter selbst aufgenommen hat.“

„Ja, ich wundere mich auch gerade über sie.“

„Ich will mich da auch gar nicht reinhängen, was da zwischen euch läuft…“

„Da läuft gar nichts, Maier! Bist du bescheuert? Ich bin doch keine Fotzen-Leckerin!“

Kaum war es ausgesprochen, hätte Pauline sich am liebsten selbst ins Gesicht geschlagen.

Wylow war im Hotel. Vielleicht direkt nebenan. Was, wenn sie das gehört hatte? Sicher hatte die Frau mit den scharfen Ohren das gehört. Warum war das auf einmal schlimmer als Maiers blödes Gelaber?

„Scheiße…“

Kurze Stille am Telefon. Doch Pauline war es egal, ob sich der alte Fettsack angegriffen fühlte.

„Und wenn es so wäre…“ nahm Maier den Faden wieder auf.

„Ist es aber nicht!“

„Du weißt, dass du wegen so einer Aussage deinen Job verlieren kannst. Selbst wenn du keinen Schwanz trägst.“

Ich muss mir wirklich von Maier einen Vortrag über sexuelle Belästigung und Mobbing anhören? Von Maier?

„Ich wollte eigentlich nur sagen, dass deine Mutter alleine ist. Und sie hat von deinem Vater am Unfallort geredet. Als wäre er noch da.“

Auch das noch! Paulines Magen verknotete sich zu einem Stein.

„Was ist mit Fred?“ Die Frage war so unfassbar dünn, dass sie sich dafür hasste. Hoffentlich überging Maier die Frage und antwortete nicht darauf.

„Was soll mit ihm sein? Er ist in Polen. Ich glaube nicht, dass er wegen deiner Mutter die Übung abbricht.“

Natürlich nicht. Pauline schnaufte. Eine Träne rollte über ihre Wange. Ob aus Trauer oder Wut, konnte sie nicht sagen. „Ich werde nach Hause kommen. Sagst du Schrader Bescheid? Er muss Ersatz schicken.“

Wieder Stille.

„Was, Maier? Angst vor Schrader?“

„Nein. Das nicht. Aber macht das Sinn? Zwei Ermittler sind doch vor Ort. Sollen sie die Aliens um den Alienkram kümmern.“

„Vielleicht hast du recht.“ Pauline straffte ihre Schultern. Der Knoten in ihrem Magen hatte sich längst zu einem glühenden Feuerball entwickelt. „Ich muss auflegen, Maier.“

„Warte. Was ist eigentlich mit meinem Vorgang…?“

„Ich sag Prinz Bescheid. Sie soll ihn dir aushändigen. Mach was du willst damit.“

„Das Original?“

„Alter! Natürlich! Tschüss, Maier.“ Sie legte auf. Mit Wucht schleuderte sie das Handy auf ihr Bett.

„Verdammt Kiki!“, brüllte sie. Sie schnappte das Glas vom Tisch und schleuderte es gegen die Wand. Splitter stoben durch den Raum. Bis sie schlagartig in der Luft stehen blieben. Verwirrt betrachtete Pauline die glitzernde Splitterwolke in der Mitte des Raumes.

„Ich wollte nicht stören Pauline, aber ich habe wichtige Infos aus…“

„Kannst du nicht anklopfen, Jaalen?“ Die Flammen in Paulines Magen schlugen über. Wut übermannte sie.

„Entschuldige, Pauline, aber ich habe gesehen, dass du angezogen bist, nicht telefonierst und es nicht Nacht ist. Außerdem habe ich wichtige Infos…“

„Und genau das meine ich, Jaalen!“, brüllte Pauline. „Dass Du mich scannst. Das du einen Blickschutz ignorierst. Das ist eine Wand!“ Pauline schlug mit der Faust gegen die dünne Trennwand, dass es nur so schepperte. Jaalen zuckte unwillkürlich zusammen. „…und eine geschlossene Tür! Verstehst du das nicht?“ Pauline wusste, wie sorgfältig Jaalen auf die Bedürfnisse der Anwohner eingehen konnte, wenn es um Befragungen ging. Warum konnte sie das nicht auch bei ihr? Warum war sie in den Augen der Sneef nur so viel weniger wert? Sie konnte sich nur schwer zügeln.

Pauline traf eine Entscheidung. Jaalen hatte es ihr leicht gemacht.

„Ich habe einen Anruf aus Deutschland bekommen. Vielleicht ist es besser, wenn ich den Fall hier abgebe, und euch die Ermittlungen überlasse.“

„Was? Pauline nein… Das…“

„Bitte geh jetzt Jaalen. Meine Mutter ist verletzt und ich muss mich darum kümmern.“

„Wenn du mich nur mal erklären lassen würdest…“

„Nein Frau Inquisitorin. Bitte gehen Sie!“

Jaalen tat, was alle Sneefs so taten. Sie blieb höflich und tat, was man ihr sagte. Sie verlies Paulines Zimmer. Und das war gut so.


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