Kapitel 13 – Frostlinien


Hinweis zum Inhalt:

Dieses Kapitel enthält die Folgen eines Verkehrsunfalls, psychische Desorientierung einer Figur sowie einzelne vulgäre und sexualisierte Formulierungen.

Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.


Kiki saß in der Kaffeeküche und stöberte durchs neue Waffenjournal. Maier schob sich auf den kleinen Stuhl ihr gegenüber. Kleckernd stellte er seinen Becher “Bier formte diesen wundervollen Körper” auf den Tisch. Die abgebildete Frau auf dem Becher verlor durch den heißen Kaffee ihr Kleid.

Kiki blickte erst auf die Nackte, dann auf Maier, dann in die leere Cafeteria. Es war jetzt nicht so, dass kein anderer Platz mehr frei gewesen wäre.

„Klar ist hier noch frei, Maier. Setzt dich doch. Nicht dass du noch deinen Kaffee im Stehen genießen musst.“

„Danke.“ Maier grinste. Prostete mit dem Kaffeebecher und nahm einen Schluck.

“Dein Becher grenzt an sexuelle Belästigung. Das ist dir schon klar, Maier”, kommentierte Kiki.

Maier drehte die Tasse, bis der Mann auf der Rückseite zu sehen war.

“Bäh! Das macht es nicht besser.”

“Was? Das ist Bildungsauftrag.”

“Weil ich eine Lesbe bin, habe ich keine Ahnung von Pimmeln, oder was?”

“Das hast du gesagt.” Maier grinste wieder.

Kiki blätterte wieder durch ihr Magazin und nippte an ihrem Kaffee mit Milch und Süßstoff, den Line so liebevoll „Giftbrühe“ nannte.

“Ah, die Glock. Die 26. Genau die Richtige für Frauenhände.” Maier schob sich über den Tisch um den Artikel besser zu lesen.

“Auch Frauen können eine 45er bedienen. Die brauchen keine… Was wird das, Maier? Du interessierst dich doch im Leben nicht für die Glock 26.”

Maier drehte seinen Becher weiter. Diesmal nachdenklich. Der übergeschwappte Kaffee verteilte sich auf dem Tisch und hinterließ hässliche Spuren.

“Warum müssen wir den Dreck der Leuchtkäfer wegräumen?”, wechselte Maier abrupt das Thema.

“Ich räume gar nichts weg. Aber du redest von meiner Kollegin. Du redest von Grönland.”

Maier nickte, trank einen Schluck.

“Unser Bürger, unser Planet, unser Problem. Und…” Kiki trank auch einen Schluck, ließ den Schluck langsam über ihre Kehle rollen. “…ich will schon wissen, was in Grönland passiert ist. Pauline sicher auch. Warum glaubst du, dass die Sneefs etwas damit zu tun haben? Es war doch nur die Rede von einem Drill?”

Maier drehte wieder gedankenverloren seine Tasse. “Die Schornsteinfeger machen nix ohne Befehl der Leuchtkäfer.”

Kiki verdrehte die Augen. „Es sind immer noch Drills und Sneefs. Alter Schauvi. Und wenn Drills in den Landwehrkanal fallen, vergessen sie einfach ihre Schwimmbewegungen.“

„Ja warum nicht? Sie ist auf den Kopf gefallen!“, brauste Maier auf. „Bewusstlos ertrunken und dann mit dem Kopf an einem Felsen hängen geblieben und Zack, Genickbruch. Ende der Geschichte!“, eiferte er.

„Beruhig dich, Maier. Redest du jetzt von deinem Fall, oder allgemein von Drills?“

Maier stockte, als wäre er beim Griff ins Keksglas erwischt worden.

„Wann kommt Faust wieder?”, wechselte Maier das Thema erneut.

“Du weißt genauso gut wie ich, dass Pauline ein Terrier ist. Sie kommt nicht eher zurück, bis die Spurensuche in Grönland abgeschlossen ist. Warum? Was willst du? Hast du Sehnsucht?”

“Ich? Iwo. Du könntest mir die Faust nackig auf den Bauch binden. Da würde nix passieren. Ich dachte nur…“

Kiki schob das Journal beiseite und funkelte ihn mit ihren eisblauen Augen an, dass es seinen Redefluss unterbrach.

„Maier, hör mir gut zu“, sagte Kiki mit einer Stimme, die so leise war, dass sie fast vibrierte. „Pauline ist so viel Frau, dass du fertig wärst, bevor sie deinen Körper überhaupt berührt. Also spar dir dein Kopfkino für jemanden, der in deiner Liga spielt. Du würdest bei ihr nicht mal das Vorspiel überstehen.“

Maier blinzelte erschrocken. Er wollte zu einer großspurigen Antwort ansetzen, blickte auf Kikis Ohren. Sie starrte ihn nicht mehr nur an – sie verarbeitete Maier und Line in einem Bett. Etwas trieb ihren Blutdruck hoch. Zorn oder Neid. Beides ließ ihre Ohren brennen.

„Entspann dich Prinz. Ich werde deinem Mädchen nichts tun.“, beschwichtigte er mit einem süffisanten Grinsen.

Kiki blinzelte. Ihr Gesicht wurde wieder zu diesem netten Pokerface, das schon so viele Verdächtige geknackt hatte. Sie atmete so tief ein, dass Maiers Blick unweigerlich auf Kikis Bluse fiel.

„Sie… ist meine Kollegin. Und sie kann sich sehr gut selbst verteidigen.“

„Und warum tust du es dann?“

„Weil sie gerade nicht hier ist und du irgendetwas mit ihr hast. Ich kann dein Kopfkino nicht bremsen, Maier. Aber ich kann dir sagen, dass es nur für deinen Kopf ist.“

„Außer ich käme mit Faust zusammen.“

Kiki brauchte einen Augenblick, bis sie Maiers Masche erkannte.

„Du willst mich reizen. Boah Kollege! Nicht schlecht.“

Sie trank wieder einen Schluck ihres Kaffees. Kalt war er geworden und Kiki konnte das gerade sehr gut gebrauchen. Er wirkte wie eine kalte Dusche. Wenn auch eine sehr kurze kleine kalte Dusche.

„Um meine Rede zu beenden. Ich dachte, dass es sicher für unsere Vorzeigepolizistin Dinge gibt, die sie wieder herziehen.” Maier drehte die Tasse weiter, bis der Mann wieder zu Kiki blickte.

Kiki brauchte einen Augenblick, bis sie begriff.

“Wegen Fred? Überschätz mal den Pimmel unseres MEK-Kollegen nicht. Vielleicht genießt sie die süßen schwarzen Früchte Acaugads…” Sie trank einen großen Schluck ihrer Giftbrühe. Sie griff nach Maiers Becher und drehte ihn weiter, um die Frau wieder zu sehen. Sie grinste breit über ihren Becher hinweg.

Maier verzog angewidert das Gesicht.

Da klingelte ihr Handy.

“Kommissarin Prinz?”, eröffnete sie das Gespräch. Erst war nur allgemeines Stimmgewirr zu hören. Eindeutig Rettungsdienst-Fachjargon im Hintergrund.

“Frau Prinz…”, brach die Stimme von Paulines Mutter durch das Gewirr. Warum rief sie an?

“…wir hatten einen Unfall. Sie haben meinen Mann schon zum Krankenhaus gefahren. Und ich wusste nicht…”

Kiki versteifte sich. Diese Schübe kannte sie inzwischen. Immer wenn Frau Kolkowski ihren toten Mann in die Gegenwart zog, war bei ihr etwas heftig aus dem Tritt geraten.

Kiki begann sich Sorgen zu machen. „Wo sind Sie, Frau Kolkowski?“

„Der Krankenwagen ist schon hier… Aber Samy! Sie wartet zu Hause, und ich… ich weiß nicht, ob ich’s schaffe… Sie macht sicher große Sorgen. Und mein Mann ist doch schon im Krankenhaus.“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war panisch. Völlig normal in der Situation. Kiki schaltete auf ein altbewährtes Hausmittel. Sie wechselte in den Schwiegertochter-Modus. „Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Kolkowski. Ich komme gleich vorbei. Dann regle ich das mit der Polizei und kümmere mich um die kleine Samy. Ich bin eine ganz wunderbare Hunde-Sitterin.“

„Hach Frau Prinz. Sie sind ein Engel. Ich bin so froh. Fred hätte das nicht gemacht.“

Das Lob traf Kiki ungewohnt. War sie wirklich froh, bei Lines Mutter besser dazustehen als Fred?

“Haben Sie ihn informiert?”

“Sicher. Das sollte ich. Das mache ich.”

„Tun Sie das, Frau Kolkowski. Ich bin gleich bei Ihnen. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Kiki legte auf. Sie stand so schnell auf, dass ihr Stuhl kippte. Doch bevor er aufschlagen konnte, hatte sie schon die Lehne mit ihrer Jacke gegriffen und schob den Stuhl an den Tisch zurück.

„Was ist los? Einsatz?“

„Nein. Paulines Mutter hatte einen Unfall. Sie klingt fahrig. Sie hat ihren Mann erwähnt. Ich fahre mal hin.“

„Sollte das die Faust nicht wissen? Ich könnte sie informieren.“

„Untersteh dich, Maier. Du weißt genau, dass Pauline dann sofort nach Hause stürmt.“

„Na und? In Grönland ist ein Schornsteinfeger-Ermittler vor Ort. Dazu örtliche Kräfte. Die bekommen das auch ohne die Faust hin.“

„Du hältst dich da raus Maier. Ich fahre jetzt zur Unfallstelle und kümmere mich um ihre Mutter.“

„Was hast du damit zu schaffen? Ich dachte, ihr seid nicht zusammen?“

„Verdammt, Maier. Freundschaft unter Kollegen. Das solltest du auch mal versuchen… Ihre Mutter hat Fred nicht erreicht und hatte meine Nummer von Pauline als Notfall bekommen. Jetzt steht sie auf der Straße, verwirrt und braucht Hilfe. Du kennst das ja.“

„Ja. Kenn ich…“ Maier wirkte fahrig. „Sag mal. Hast du den Vorgang –Wasserleiche einer Außerirdischen in der Spree – irgendwo gesehen?“

„Dein Fall? Irgendwo? Entweder auf dem Tisch des behandelnden Beamten Maier, oder im Archiv. Auf Paulines Stapel wäre sie völlig fehl am Platz. Zumal der Fall ja belanglos zu sein scheint. Was willst du denn jetzt mit dem Vorgang? Er ist doch…“

„Du weißt von der Akte? Also war sie doch auf Fausts Müllberg? Du hast sie gesehen?“, fragte Maier aufgeregt. Jetzt war er interessiert. Er wirkte fast erleichtert.

„Nein. Der „Vorgang“ ist bei Pauline zu Hause.“

„Was macht die denn da? Das ist mein Vorgang!“

Kiki spürte, dass hier was nicht stimmte. Maier waren seine verloren gegangenen Vorgänge egal. Warum rannte er diesem jetzt so hinterher? „Naja. Wenigstens passt der MEK-Kollege drauf auf.“

Maier wurde blass. „Ihr Mann weiß von dem Vorgang?“

„Maier, was soll das? Es ist nur ein Vorgang. Wenn er dir so wichtig ist: Ich hole ihn morgen, mache dir eine Kopie, und dann geht der Vorgang ohnehin nach Grönland.“

„Du machst was? Warum?“

„Weil Pauline danach gefragt hat und ich ihn deshalb nach Grönland schicken muss. So. Wenn du mich nun entschuldigen würdest, ich muss los.“ Kiki schob sich an Maier vorbei, der gerade mit seinen Gedanken zu kämpfen hatte.

Im Augenwinkel sah sie Maier nach seinem Telefon greifen. Was war nur los mit dem Kerl? Doch jetzt war keine Zeit dafür. Die Akte war unerreichbar für Maier. Das wusste nur sie. Lines Mutter hatte Prio.

Kiki jagte ihren Audi mit Höchstgeschwindigkeit durch Berlin. In nur zehn Minuten war sie mit Blaulicht und Martinshorn bei Lines Mutter am Unfallort.

Es sah nicht gut aus. Ihr Auto war eigentlich nur noch am Heck als Mercedes zu erkennen. Das Dach musste von den Rettungskräften aufgeschnitten werden, der Fahrerairbag hatte ausgelöst und war mit Blut beschmiert. Eindeutig saß kein Mann auf dem Beifahrersitz, wie Lines Mutter es beschrieben hatte. Der LKW sah nicht minder schlimm aus.

Kiki ignorierte die Streifenpolizisten und ging zum Rettungswagen. Paulines Mutter saß auf der Bahre und ihr Kopf wurde behandelt.

„Frau Kolkowski. Na was machen denn Sie für Sachen?“

„Frau Prinz, Sie schickt der Himmel. Wollen wir uns nicht duzen? Ich bin Emma.“

„Gerne Emma. Ich bin Kiki. Was kann ich tun?“

„Greif bitte in meine Tasche. Dort ist der Schlüsselbund für unser Haus und Lines Wohnung. Den sollte ich doch aufs Revier bringen. Schau bitte nach Samy.“

„Das mach ich Emma. Und du lässt die Ärzte mal ihren Job machen und erholst dich.“

„Kiki?“

„Ja, Emma?“

„Sag Line nichts. Die macht sich nur unnötig Sorgen. Besonders, wenn sie von ihrem Vater hört. Das verstört sie total. Und aus Grönland kann sie ohnehin nicht helfen.“

„Ich weiß nicht, Emma… das sieht schon ernst aus…“

„Bitte Kiki. Line geht es ohnehin nicht gut. Das würde sie ganz aus der Bahn werfen. Ich kenne meine Tochter.“

Kiki seufzte. „Also gut. Aber wenn es euch besser geht, werde ich Pauline informieren. Ich mag das nicht, vor ihr ein Geheimnis zu haben.“

Tränen glitzerten in Emmas Augen. „Du bist eine gute Partnerin.“

„Kollegin, Emma. Das heißt Kollegin.“

Emma tätschelte Kikis Hand und lächelte.

Emma wurde in den Krankenwagen geschoben und sie fuhren davon.

Kiki sah dem Wagen noch lange nach.

Für Überlegungen blieb keine Zeit. Der Streifenpolizist nervte noch immer. Er stand geduldig hinter Kiki, ohne sie aus den Augen zu lassen.

„Was gibt es?“ Sie drehte sich um und sah am Polizisten vorbei, drei Feuerwehrmänner, die um den Mercedes rumstanden und gafften. Doch etwas anderes stach ihr ins Auge. Zwischen den dicken Jacken der Gaffer hob sich eine Gestalt ab – zu groß, zu schwarz, mit zu weißen Augen. Eine Drill. Das wäre allein nicht besonders interessant, wenn da nicht die tief ins Gesicht gezogene Kapuze und die Hände in der Bauchschlaufe ihres schwarzen Pullis wären. Exakt dieselbe Haltung, die Kiki im Kiez eingenommen hatte, die Waffe verborgen, aber jederzeit bereit. Als wäre die Drill eine von ihnen. Und sie interessierte sich nicht für den Unfall. Sie hatte nur Augen für den Feuerwehrwagen, der die Unfallstelle absicherte.

„Da gibt es etwas, das sollten sie sich ansehen.“ Der Polizist lenkte Kikis Aufmerksamkeit wieder auf Geschehen, ging zu den Feuerwehrmännern und Kiki sah die Drill in der Menge untertauchen.

Als sie am Auto ankamen, wusste Kiki, was den Polizisten beunruhigte. Der linke Reifen des Mercedes hatte ein Loch. Kein gewöhnliches Loch. Es sah aus, als hätte jemand oder etwas ein zehn Zentimeter langes Stück der Lauffläche einfach entfernt. Die Kanten des Loches waren nicht ausgefranst.

„Okay, das ist ein Fall für die KT.“

„Das dachte ich auch. Ich wollte nur sicher gehen.“

„Gut gemacht. Rufen Sie die Kollegen der Verkehrsdelikte. Die werden sich dann darum kümmern. Ich habe zu tun.“

Doch kurz bevor sie ging, drehte sie sich noch einmal um: „Wenn die KT hier ist, soll sie sich auch den hintersten Gerätewagen der Feuerwehr ansehen.“

„Wonach sollen sie Ausschau halten?“

„Wenn ich das wüsste…“

Kiki stieg in ihr Auto und brauste los.

Das sind echt viele Drills für eine Woche. Mord in Grönland, Akte von Maier und jetzt das hier. In was ist meine chaotische Line wieder reingeraten?


Hier geht es zu Kapitel 14 – Kiki bei Pauline


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