Kapitel 9 – Zwischen Eis und Atem


Hinweise zum Inhalt:
Keiner. Denke ich. Sollte es trotzdem Punkte geben die euch triggern, lass es mich wissen.

Achte auf dich.


Der Flug war hart. Turbulenzen über dem Nordatlantik, das monotone Dröhnen der Triebwerke und immer wieder Naphas Kommentare, die Pauline auf die Nerven gingen. Geruchsforensik hier, Kampfeinsätze da. Immer wieder versuchte die schwarze Amazone ein Gespräch, das Pauline mit einem Schnaufen oder Doomscrolling auf dem Handy zu unterbinden. Sie war heilfroh, als die Maschine endlich in den Sinkflug ging und die weißen Konturen Grönlands unter ihnen auftauchten.

Nur Felsen, Schnee und Farne. Kein Baum. Keine Straße, die den Namen verdient hätte, zog unter ihnen hindurch bis die kleine Maschine in Kulusuk im Osten Grönlands zur Landung ansetzte. Der Flughafen war eher ein gerade gezogener Acker als eine Landebahn. Ohne Zaun und Sicherheit. Nur ein paar Einheimische, die das Gepäck verluden. Die meisten wurden mit Jeeps weggefahren. Zwei Männer scheiterten an Naphas Seesack. Die Drill ging lässig auf die beiden zu. „Braucht ihr Hilfe, Männchen?“ Sie nahm ihnen den Sack ab und schleuderte ihn wie eine Handtasche über ihre Schulter. „Wo soll der hin?“ Die Männer zeigten auf einen roten Hubschrauber.

Der Pilot sprach überraschend gutes Deutsch und redete ohne Pause, während er beim Beladen half und Naphas zeigte, wo sie ihren Seesack verstauen konnte. Pauline wünschte sich das Flugzeug und Naphas Konversation zurück. Die konnte sie unterbinden, den Piloten nicht. Ohne Unterlass redete er auf sie ein, und dabei verstand sie kaum die Hälfte. Teils aus seinem Akzent, teils aus ihrer Unwissenheit. Der Rotor setzte ein, fraß jedes Wort. Endlich etwas Ruhe.

Minuten später hob die Maschine ab und trug sie weiter nach Westen. Tasiilaq kam in Sichtweite. Ihr erstes Reiseziel. Ein paar Dutzend Häuser, bunt bemalt um die Tristesse dieses Ortes zu übertünchen, klebten wie gewürfelt auf den hügeligen Klippen. Rauch stieg aus zwei Schornsteinen, dünn und misstrauisch. Pauline fragte sich, ob die Menschen hier wussten, in welcher Gefahr sie schwebten. Oder war sie es, die etwas übersah? Vielleicht lebten die Menschen hier längst mit der Gefahr. In Grönland änderte sich nur ihr Gesicht.

Als die Räder aufsetzten, schüttelte es den Hubschrauber so hart, als wollte das Land selbst die beiden ungebetenen Gäste von seinem mageren Rücken stoßen. Pauline spürte den Druck in den Ohren, den dumpfen Schlag des Fahrwerks – und mit ihm eine Nervosität, die nichts mit Fliegen zu tun hatte.

Die Tür öffnete sich, und ein eisiger Wind fuhr hinein, biss sich sofort in jede Ritze der Kleidung. Pauline zog den Kragen hoch, Naphas dagegen trat hinaus, als hätte sie den Wind überhaupt nicht bemerkt.

„Willkommen im Paradies“, brummte die Drill, schulterte ihren Sack und stapfte über den eisigen Boden zu den Hundeschlitten, die bereit standen, ihr Gepäck zu transportieren.

Pauline folgte, jeder Schritt schwer im Gegenwind. Unter ihr knirschte Eis, das nicht einmal wie Schnee wirkte – eher wie Glas, scharf, brüchig. Sie zog die Jacke enger, der Atem wurde ihr aus dem Mund gerissen.

Am Schlitten stand jemand, der nicht hierher gehörte. Definitiv nicht.

Eine Frau – oder vielmehr eine Erscheinung. Weinroter Mantel mit silbernen Borten, die selbst in diesem grauen Wetter glänzten. Die Haltung war aufrecht, die Bewegungen ruhig, als stünde sie in einem warmen Saal und nicht im Sturm. Und der Sturm schien einen Bogen um sie zu machen. Ihr Gesicht schmal, die Haut glatt wie polierter Stein, leuchtete in einem unnatürlichen Hellorange, und ihre Augen – ozeanblau mit goldenen Sprenkeln – ruhten auf Pauline. Ihr Blick war fast schlimmer als der Wind. Aus der Kapuze ragten zwei weiß leuchtende Fühler hervor, deren Spitzen sie zu taxieren schienen.

Pauline spürte, wie ihr die Nackenhaare aufstanden. Verdammt, die scannt mich von Kopf bis Fuß, dachte sie. Als wäre ich keine Polizistin, sondern nur ein nacktes Pin-up!

„Inquisitorin Jaalen,“ stellte sich die Frau vor, die Stimme leise, aber klar genug, um gegen die Böen anzukommen. Es war keine laute Stimme – sie war einfach da, wie ein Gesetz, das niemand infrage stellte. „Im Auftrag des Bündnisses werde ich Ihre Ermittlungen begleiten.“

Pauline blieb stehen. „Eine Sneef? Für einen Mordfall?“

Jaalen neigte kaum merklich den Kopf. „Ein Drill-Männchen auf Erden ist kein Mordfall.“ Ihre Stimme war sanft, fast freundlich, aber die Worte waren es nicht. „Es ist eine Störung der Ordnung. Und Ordnung erfordert Aufsicht.“

Naphas lachte schief, zog ihre Kapuze zurück, sodass ihr schwarzes Gesicht frei im Wind stand. „Eine Asperih-Inquisitorin? Dann nimmt Acaugad den Fall also doch ernst?“
Es klang trotzig, aber auch ein Anflug von Stolz schwang mit. Als wäre sie selbst ein Teil dieses „Ernstes“.

„Natürlich, Lieutenant Naphas. Ein Männchen, das es trotz Bannbaren-Abkommen auf die Erde geschafft hat, IST ein ernstes Thema.“

„Na dann, willkommen im Team, Hoheit!“

Pauline verzog das Gesicht. Team. Schön wär’s. Für sie sah das hier eher nach einem Käfig aus:
– Eine Drill, die ihr ständig zu nahekam.
– Eine Sneef, die sie ansah, als könne sie jedes Geheimnis aus ihr herauslesen. Ganz abgesehen von den Fühlern, die sicher schon jeden Zentimeter ihrer Haut abgecheckt hatten.
– Und sie selbst, irgendwo dazwischen, mit ihrem Notizblock, ihrem Zorn und dem Bild von Kiki, die noch gestern lachend Samy durch die Kamera gehalten hatte.

Pauline stupste die Drill an. Die Naphas lehnte sich etwas näher in Richtung Pauline, neigte ihr Ohr zu ihr, ohne die Sneef aus den Augen zu lassen.

„Lieutenant Naphas… Asperih. Ist das nicht…“, flüsterte sie. Dann stockte sie. Konnte die Drill sie überhaupt in diesem Sturm flüstern hören? „Ist das nicht der unwichtige Glauben? Der für Kunst und Glamour?“

Die Drill grinste und die Sneef funkelte sie böse an. War wohl doch für die beiden gut zu hören.

Naphas antwortete. „Würde ein Erdenbewohner wohl so sehen. Asperih Inquisition ist unnachgiebiger. Wo die Edtihos-Inquisition Kosten und Nutzen gegenrechnet, bleibt Asperih dran, bis die letzte Frage beantwortet ist.“

Jaalen antwortete ebenfalls. Kühl. Nicht aggressiv. Nur knapp. „Asperih ist Edtihos gleichwertig. Kunst und Kultur haben bei uns Rechte, die es bei euch nicht gibt. Edtihos regelt Wirtschaftlichkeit und Markt. Finanziert werden alle drei Glaubenshäuser durch Edtihos. Aber das macht Edtihos nicht wichtiger oder stärker.“

„…danke“, murmelte Pauline in ihre Jacke.

„Gern geschehen, Kommissarin Faust.“ Jaalens Stimme war schon wieder zur Freundlichkeit zurückgekehrt.

„Übrigens, Kommissarin Faust. Nenn mich Wylow. Naphas nennen mich nur meine Klienten.“

Pauline nickte.

Schweigend beluden sie den Hundeschlitten und setzten sich hinter ihr Gepäck.

Der Wind heulte um sie, peitschte Schnee in Paulines Gesicht und kroch durch jede Ritze ihrer Kleidung.

Grönland verzeiht keine Fehler, dachte sie.

Und hier draußen gab es keinen Hund, der mit einem wedelnden Schwanz die Kälte vertreiben konnte.

Als sie sich dem Dorf näherten, sah Pauline die ersten Gesichter. Frauen zogen ihre Kinder ins Haus. Männer blieben mit Gewehren auf den Schwellen stehen.

Niemand kam näher. Aber niemand wich zurück.

Der Wind trug den Geruch von Tran, Ruß und Metall herüber.

Blut vielleicht. Oder Angst.

Ein alter Fischer stand am Rand der Straße, die Pfeife zwischen den Zähnen. Seine Augen waren grau wie der Fjord.

„Er kam aus dem Wasser“, murmelte er, ohne sie anzusehen.

„Wenn das Meer etwas gibt, will es’s bald zurück.“

Pauline wollte fragen, wer er war, doch Wylow war schneller.

„Wir suchen Sören.“

Ihre Stimme war ruhig. Fast freundlich.

Keine Bitte.

Der Alte nickte langsam.

„Sören ist in seinem Haus. Seit Hans tot ist.“

Er knotete weiter an seinem Netz.

„Hans war ein guter Mann. Hat mit uns und den Leuten aus der Station geredet. Deutsche, Österreicher, Amerikaner – ihm war’s egal, solange sie das Meer in Ruhe ließen. Hat nur Steine untersucht.“

Er sah kurz auf.

„Gestern war er noch hier. Wollte Karten zeigen. Dann war da dieses … Schwarze.“

Ein Moment.

„Und der Schrei.“

Der Alte wandte sich wieder seinem Netz zu.

„Das Meer hat ihn geholt. Oder das, was darin lebt.“

Pauline spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog.

Wylow blieb still.

Fast so, als wüsste sie längst, wovon der Alte sprach.

Weiter vorn stand eine junge Frau. Ihr Blick klebte an Wylow.

Nivi, wie Pauline später erfuhr.

Sie sagte nichts. Doch ihre Finger hielten die Kette um ihren Hals so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Wylow nickte ihr zu. Eine höfliche, beinahe menschliche Geste.

Nivi wich trotzdem zurück.

Ein Mann führte gerade seine Hunde aus. Als er Wylow sah, blieb er stehen.

Tekkeitsertok. Der Schlittenführer.

Er nickte Pauline kurz zu, dann senkte er den Blick.

„Ich hab’s gerochen“, sagte er leise. „Nach Eisen. Nach Feuer. Das war kein Sturm.“

Wylow erstarrte für einen Herzschlag. Nur kurz. Dann war es wieder weg.

Pauline entging es nicht.

Die Hunde bellten.

Der Wind pfiff zwischen den Häusern. Irgendwo klapperte eine Tür. Jemand spuckte in den Schnee. Dann wurde es still.

Tasiilaq roch nach Salz, Angst und dem letzten Rest Zivilisation.

Pauline wusste: In einem Ort, der so klein war, überlebten Geheimnisse nicht lange. Manche gar nicht. Doktor Hans Weimersheimer war tot.

Und etwas Schwarzes hatte ihn ins Meer gerissen.


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