Kontaktzone – Kapitel 5

Kapitel 5 – Samy


Dieses Kapitel thematisiert körperliche Gewaltfolgen, ideologisch geprägte Abwertung queerer Lebensweisen, politische Radikalisierung sowie innere Konflikte und Kontrollverlust aus der Perspektive der Hauptfigur.

Die dargestellten Gedanken und Haltungen spiegeln die Figur wider und dienen der Figurenzeichnung sowie der thematischen Einordnung. Sie sind nicht als Zustimmung oder Verherrlichung zu verstehen.

Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Inhalten wohlfühlst.


Pauline hasste Frühschichten.

Die Büros des LKA waren um diese Zeit ein Bienenstock: Telefone klingelten, Aktenwagen klapperten über den Linoleumboden, irgendjemand lachte zu laut über einen Witz, den niemand hören wollte. Pauline saß an ihrem Schreibtisch, starrte auf einen Stapel Berichte, die sie längst hätte abarbeiten sollen, und wünschte sich zurück unter die Dusche – so heiß, dass sie alle Probleme wegbrannte. Und den Knopf ihrer Lieblingsjeans hatte Fred heute Morgen auch noch abgerissen. Es war zum Aus–der–Haut–fahren!

Der Schreibtisch gegenüber war natürlich blitzsauber. Kiki Prinz. Ihre Kollegin hatte alles im Griff. Jahrgangsbeste, fleißig, gewissenhaft – und dazu noch ein Blickfang für jeden männlichen Kollegen, der noch ein schlagendes Herz hatte. Es war fast unfair. Aber sie war nicht da.

Zum Glück. So musste sie diesen Gutmenschen nicht auch noch ertragen. Pauline schnappte sich die erste Akte, knallte sie übertrieben schwungvoll auf den Tisch, schlug sie auf und las die Überschrift.

–Wasserleiche einer Außerirdischen in der Spree– …Außerweltlich, Drill, Wissenschaftlerin in Genetik, machte Urlaub in Berlin. Genickbruch… Genickbruch bei einer Wasserleiche? Also nicht ertrunken?

Ein Brief lag dabei. Was für ein Papier ist das? Es ist Wasserfest. Hat die Spree überlebt. Wer benutzte denn wasserfestes Kunststoffpapier um einen Brief zu schreiben? Hmmm… Das ist doch Drial. Die Übersetzung liegt auch dabei. Ich schreibe. Du hast gesagt, schreiben macht mich frei. Ich kratze mit Kralle, es ist schwer. Worte rutschen weg. Aber ich halte sie fest…

Pauline war dieser Fall völlig unbekannt. Trotzdem lag er hier auf ihrem Stapel der bearbeiteten Fälle. Frustriert schnappte sie sich ihren Kaffeebecher und marschierte zum Kaffeeautomaten. Ihre Einsatzschuhe quietschten auf dem Linoleum – schweres Leder, das ihr den nötigen Halt gab und gegen jeden Dreck immun –, während sie sich auf den Weg zum geliebten Koffein machte. In der Kaffeeküche lehnte sie sich an die Fensterbank und ließ den heißen Dampf durch ihre Nase strömen. Doch mit dem Duft kamen keine Erinnerungen an den Fall.

Stattdessen hallte dasselbe quietschende Geräusch durch den Flur. Dieselben Einsatzschuhe, getragen von einer Kollegin. Diesmal war es Kiki, deren Schritte genauso sicher klangen wie ihre makellose Erscheinung. Pauline hasste es: Sie selbst trug Funktion, weil sie sie brauchte. Kiki trug Funktion, als wäre es ein Accessoire. Kein glatter Stöckelschuh hinderte sie am Sprint, kein Tarnholster versteckte sich an ihrem Hintern. Stattdessen Schulterholster und Zusatzmagazine. Kiki war wie sie, nur in einer Version, die auch auf einem Cover funktionieren würde. Alles an ihr war einsatzbereit und trotzdem stylisch. Es war zum Kotzen. War ja klar, dass sie auch schon hier ist!

Kiki Prinz, die Granate, so nannten die Kollegen sie hinter ihrem Rücken – und das nicht ohne Grund, stolzierte durch das Großraumbüro. Pauline beobachtete sie, auf ihrem Weg, der gemeinsamen Büronische zu.

Lange blonde Haare, zum Pferdeschwanz gebunden, die selbst im Neonlicht des LKA glänzten, Lippen, die aussahen wie frisch geschminkt, auch wenn sie es nicht waren, und Beine in einer maßgeschneiderten Jeans, die in jedem Kostümfilm die Hauptrolle bekommen hätten. Jeder Mann im Büro drehte den Kopf, wenn sie vorbeiging. Pauline konnte es nicht mehr sehen.

„Morgen, Leute!“ Kikis Stimme war hell, freundlich, wie aus einem Werbespot. Ein paar Kollegen riefen zurück, einer versuchte einen lockeren Spruch – natürlich grinste sie nur und ging weiter. Pauline rollte die Augen.

Als Kiki an der Kaffeeküche vorbeikam, hielt sie inne. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Von professionell freundlich, auf nett. „Guten Morgen Pauline. So früh schon im Büro?“

Pauline ignorierte die Frage. Ihr gingen die Blicke der Kollegen auf den Zeiger. Ungeniert, obwohl Pauline sie sehen konnte, blickten sie Kiki auf den Hintern. „Sag mal, warum musst du immer diese maßgeschneiderte Jeans im Büro tragen?“

Kikis Mine änderte sich von nett, auf kühl. „Du auch?“

„Was, ‚Ich auch‘?“

„Na die Blicke auf meinen Gluteus?“

„Ich starre nicht auf deinen Hintern. Dein Hintern ist mir völlig egal!“, gab Pauline gereizt zurück. Sie wurde rot. Schnell musste ein Wechsel auf ihr eigentliches Thema zurück. Weg von Kikis Arsch.

„Ich meine deine Jeans von Prada! Du musst nicht schon am Montag früh mit deinem Luxus angeben. Die Quoten-Lesbe mit ihren Daddy-Connections muss doch nicht immer so protzen!“

Das saß. „Ich trage die Jeans, weil sie im Einsatz nicht bremst. Außerdem muss ich nicht jedem Kollegen, mit meiner offenen Hose präsentieren, wie aktiv ich kopuliere!“

Kiki zeigte auf Paulines Schritt, funkelte noch einen Augenblick, dann eilte zu ihrem Büro.

Pauline stockte der Atem. Reflexartig tastete sie an die Hose. Tatsächlich: Der Reißer stand offen. Rote Unterwäsche, mitten im Großraumbüro. Verflucht! Wie viele mögen das gesehen haben? Ich bin extra früh gekommen, um Ruhe zu haben – und jetzt das. Verdammt! Die elendige Salbe ruiniert mir jetzt sogar schon die Arbeit, diese Kraftprotzerei!

Schnell zog sie den Reißverschluss hoch, doch er hielt nicht. Schon rutschte der Schließer wieder nach unten. Sie zerrte den Gürtel enger. Die Hose würde halten. Hoffentlich.

Ein paar Minuten später stand Pauline mit zwei Bechern in ihrem Büro. Ihren eigenen schwarz wie die Nacht – so, wie sie ihn brauchte. Den zweiten hatte sie widerwillig mit Milch und zwei Süßstoff angerichtet. Schon der Geruch trieb ihr fast den Magen hoch. So ein Zeug würde ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Deswegen nannte sie diesen Frevel gerne – Giftbrühe.

Sie schob Kiki die Tasse hin. „Sorry Kiki. Ich hatte einen schlechten Start. Wollte ich eigentlich ausnahmsweise nicht an dir auslassen.“

Kiki musste unwillkürlich lächeln. „Ausnahmsweise?“

Als sie ihren Kopf Pauline zuwandte, bemerkte sie, dass Kikis Augen gerötet waren. Ich habe sie wohl doch getroffen. Doch ihre Kollegin ließ es sich nicht anmerken. Um ihre Erkenntnis zu verbergen, nippte Pauline an ihrem schwarzen Koffeinschock und blickte an Kiki herunter. Bis zu ihrem Hintern.

Kiki bemerkte es mit einem heben der Braue, dann nippte sie an ihrem Kaffee, verzog kaum das Gesicht: „Deswegen hast du der Quoten-Lesbe mit Daddy-Connections eine Giftbrühe angerichtet?“

„Ja.“ Pauline war erleichtert. Kiki war so hart, wie sie aussah. Sie konnte das wegstecken. Wo der wohl her kam?

Als Kiki sich zurücklehnte, um den Kaffee zu genießen, musste wohl ein Kollege über Anblick einen Kontrollverlust erlitten haben. Ungeniert Pfiff jemand hinter Paulines Rücken. Kiki reagierte gar nicht.

„Warum sagst du den Kollegen eigentlich nicht, dass du lesbisch bist?“ Pauline funkelte über ihre Kaffeetasse hinweg, ließ ihre Stimme spitz klingen. „Oder genießt du die ganze Schwanzwedelei?“

Kiki blickte auf das cremefarbene Gebräu. „Ich habe es ihnen schon hundertmal gesagt. Weißt du, was sie antworten? ‚Erst wenn wir Beweise sehen. Bring deine Freundin mit…‘“ Sie verzog das Gesicht. „Würg.“

„Dann beweis es ihnen doch.“ Pauline grinste süffisant, auch wenn in ihr noch die Bilder von letzter Nacht brannten – Fredericks Griff, das Gel, die Scham, heute Morgen der Quickie im Flur, ihr Knopf.

Kikis Augen blitzten. „Es gibt Dinge, Pauline, die ich nie tun werde.“

„Ach ja? Was denn? Jeans unter hundert Euro tragen?“

„Unter anderem. Oder mich für einen Mann zu bücken.“

Pauline zuckte unwillkürlich zusammen, als hätte Kiki ihr ins Herz getroffen. Als ob Kiki wüsste, wie oft sie genau das für Fred tat. Pauline sah weg, schob ein Blatt Papier über den Tisch, zu schnell, zu laut. Verflucht und zugenäht! Etwas klimperte und fiel in ihren Schoß. Eine Sicherheitsnadel.
Sie hielt sie einen Moment lang zwischen den Fingern, starrte auf das kleine Metallstück.
Dann sah sie zu Kiki hinüber.
Die nippte schweigend an ihrem Kaffee, Augen über den Rand der Tasse hinweg. Ein kurzer Blick, ein kaum merkliches Nicken.

Pauline atmete aus, befestigte den Reißverschluss.

Pauline betrachtete das Blinken auf ihrem Telefon, das auf der letzten Ecke ihres Schreibtisches stand. Ein verpasster Anruf… Empfang… Da klopfte es an der Glastür. Pauline hob den Kopf – und ihr Herz machte einen Sprung.

Ihre Mutter. Mit einem Hund.

„Mama?!“ Pauline sprang auf. „Was machst du denn hier? Das ist das LKA, kein Streichelzoo.“

„Ach stell dich nicht so an, Line.“ Ihre Mutter grinste verschmitzt und zog die Leine fester. „Ich wollte dir nur unseren Neuzugang vorstellen.“

Die Hündin sprang nach vorn, zog fast die Leine aus ihrer Hand. Eine schwarze Laika, jung, drahtig, voller Energie. Ihr Kopf pechschwarz, die Augen hellbraun und lebendig, als hätten sie einen eigenen Witz zu erzählen.

„Das ist Samy, aus der Tierrettung.“

Bevor Pauline protestieren konnte, war die Hündin schon bei ihr, stellte die Vorderpfoten auf ihre Oberschenkel und hechelte ihr direkt ins Gesicht. Der Atem roch nach Welpe und Abenteuer. Pauline konnte nicht anders, als zu lachen. Ein echtes Lachen, das sie selbst überraschte.

„Runter, Samy!“ Ihre Mutter zupfte an der Leine, aber Samy dachte gar nicht daran. Sie sprang um Pauline herum, zog an ihrer Jacke, schnupperte an ihrer Hand und wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass es aussah, als wollte sie abheben.

„Na toll.“ Pauline kniete sich widerwillig hin, und sofort legte Samy den Kopf gegen ihre Brust, als hätte er auf genau diesen Moment gewartet.

Pauline spürte Wärme. Keine Forderung. Keine Machtspiele. Nur Nähe. Das war das, was sie suchte, aber zu Hause nicht mehr fand.

„Oh mein Gott, ist die süß!“ Kiki war nähergekommen, ihre Stimme überschlug sich fast. Pauline sah hoch – und erstarrte.

Die Granate, die sonst so unnahbar war, kniete sich jetzt einfach neben sie auf den Boden, ließ sich von Samy über die Hände lecken und lachte. Ein echtes, ungekünsteltes Lachen, das Pauline noch nie von ihr gehört hatte. Die Männer im Büro starrten, als hätte jemand die Sonne ins Zimmer gerollt.

Samys Schwanz schlug dabei so heftig gegen den Boden, dass es klatschte wie eine kleine Peitsche. Pauline verzog den Mund. Okay. Das war eine Schwanzwedelei, die auch sie nicht kalt ließ.

„Wie heißt sie?“ fragte Kiki, und ihre blauen Augen funkelten, während Samy schon halb auf ihrem Schoß lag.

„Samy.“ Paulines Stimme war heiserer, als sie wollte.

Kiki streichelte das schwarze Fell, Samy drückte sich an sie, als hätte sie ihre neue Lieblingsperson gefunden. Pauline biss sich auf die Lippe.

Verräterin. Du sollst zu Mama gehören. Oder mir…

Doch sie konnte nicht leugnen, was sie sah: Samy hatte gewählt. Und sie hatte ein gutes Gefühl im Büro. Familiär, warm. Das sollte sie zu Hause haben ein Gefühl, das ein Alien erst zerstören musste, um es kurzzeitig wiederherzustellen. Das alles nur wegen diesem verdammten Buchsaibling!


Im Büro hatte es sich für einen Moment richtig angefühlt.
Zu Hause war nichts mehr klar.
Fred galt als geheilt.
Pauline fragte sich zum ersten Mal, wovon eigentlich.

Und irgendwo zwischen Akte und Frühstückstisch wartete eine Antwort, die sie noch nicht hören wollte.


Hier geht es zu Kapitel 6 – Frühstück im Schatten


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