Kapitel 4 – Das Gift der Heilung
Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel enthält Darstellungen von sexualisierter Machtdynamik, emotionalem Missbrauch, Fremdsteuerung durch eine Substanz sowie explizite sexuelle Inhalte.
Es thematisiert Abhängigkeit, Verlustangst und psychische Grenzverletzungen innerhalb einer Partnerschaft.
Wenn dich solche Inhalte belasten könnten – unabhängig von Geschlecht, Identität oder sexueller Orientierung – lies dieses Kapitel bitte nur, wenn du dich damit sicher fühlst, oder überspringe es.
Pauline saß auf dem kleinen Hocker im Flur. Sie schwitzte wie schon lange nicht mehr. Ihr Körper brannte und auf dem Boden lag die Tube.
Buchsaibling Druusa
Ihr Herz schlug heftig und dröhnte in den Ohren.
Alienkram! Vom Amt gar nicht zugelassen!, brüllte es in ihrem Hinterkopf.
Die Wohnung war still, nur das Summen des Kühlschranks und das Knacken der Heizungsrohre im alten Gemäuer begleiteten sie. Ein dumpfes Geräusch aus dem Schlafzimmer: Fredericks Atem, schwer, unregelmäßig, erschöpft. Es blutete ihr Herz. Sie blickte zum Schlafzimmer. Sein Arm lag auf der Decke. Schrammen, Blutergüsse, breit wie der Kudamm auf seinem Arm. Er hustete und Pauline konnte förmlich das Blut sehen, das er aushustete.
Sie stand auf, stellte die Schuhe ab, löste den Gürtel, hielt inne. Sie stierte erneut auf die Tube mitten auf dem Boden.
Pauline starrte das Ding an, als sei es eine Schlange, die sich in ihre Sachen geschlängelt hatte.
Ich bin keine Ärztin. Was ist, wenn…? Fred stöhnte auf, wälzte sich im Bett, hustete.
Pauline ging resolut zur Tube. Die nassen Socken hinterließen feuchte Abdrücke auf den Dielen. Jeder Schritt wurde von einem dumpfen Dröhnen begleitet. Sie griff so heftig nach der Tube. Sie hoffte, die Tube würde unter ihrer schieren Kraft platzen und die Entscheidung wäre erledigt. Doch so stark war Pauline nun auch nicht.
Das Plastik fühlte sich kalt an, schwerer als es sein sollte. Auf der Kappe prangte ein Siegel, eingepresst wie ein Brandmal. Ein Auge – klar zu erkennen, offen und starr. Darüber eine Spirale, die aussah wie eine Locke, albern fast, oder wie dieses Comicsymbol, wenn jemand durchdreht. Und darunter drei dicke Pfeile, die nach unten zeigten. Pfeile? Nein… für Pauline sahen sie eher aus wie Tränen, schwer und schwarz, die aus dem Auge flossen. Der Kreis, der alles umschloss, wirkte nicht wie Schmuck, sondern wie eine Mauer. Als sperrte er sie aus. Oder schlimmer: sperrte sie ein.
„Blöde Kuh…“, murmelte Pauline und spürte, wie Wut heiß in ihr hochkroch. Diese Frauen – diese Gesellschaft, die Männer wegwarf wie Müll, die Mauern um sich zog und dann behauptete, darin Liebe zu finden. Zweckgemeinschaften. Lesben, die sich alles schönreden. Und ausgerechnet die hatten eine Heilung für ihren verletzten Ehemann.
Pauline hasste den Gedanken, hasste, dass diese Tube in ihrer Hand lag.
„Line?“ Fredericks Stimme aus dem Schlafzimmer. Verschlafen und erschöpft. „Bist du’s?“
Sie fuhr zusammen, stopfte die Tube hastig unter den Bund ihrer Hose. „Ja. Ich bin zurück.“
Sie ging ins Schlafzimmer, dumpfes Dröhnen und ein Kneifen an ihrer Hüfte. Und eine Entscheidung immer noch nicht getroffen. Sie setzte sich auf die Bettkante. Frederick hatte sich etwas aufgerichtet. Trotz der unzähligen blauen Flecken, hatte er immer noch dieses Funkeln in den Augen. Dieser spitzbübische Kerl mit den breiten Schultern, den sie auf der Akademie kennengelernt hatte. Aber galt das ihr, oder war es zu einer Routine in ihrer Beziehung geworden?
Er richtete sich halb auf und streichelte sie. Bis er an ihrer Hüfte innehielt. „Was hast du da?“ Seine Stimme war brüchig, aber neugierig.
Pauline zögerte. Dann, zu schnell: „Nichts.“
Er richtete sich mühsam auf, stützte sich mit der gesunden Hand ab. „Zeig.“
Sie wollte Nein sagen. Wollte schreien. Aber ihre Finger gehorchten nicht. Sie reichte ihm die Tube, fast trotzig. „Von den Drills. Irgendein Hokuspokus. Heilmittel. Brauchst du nicht.“
Jetzt war ihr Mann wach, fast schon euphorisch. “Das ist ja Buchsaibling!”
“Du kennst es?”
“Machst Du Witze? Unser Truppenarzt schwört da drauf. Ist aber sauteuer! Eine Tube mit Rezept kostet um die 12K”
“Rezept? Ich dachte es sei nicht zugelassen?“
„Truppenarzt kommt da dran. Willst du es zu Hause, kostete es lockere 12 tausend Steine.“
„Dann kann es nicht echt sein. Die Drill will dir sicher noch eins zusätzlich auswischen. Ich trag dir das auf und…”
“…zusätzlich?”
Sie biss sich auf die Lippen. Ertappt!
“…Ich… hab den Bericht der Streife gefunden, Fred! Musste das sein? Die Monsterfrauen sind allesamt stärker als ihr…”
“Es sind nur Humanoide, Line. Arme, Beine, Kopf. Man kann sie überwinden. Wir MÜSSEN sie überwinden. Wie sollen wir es lernen, wenn die Regierung uns nicht lässt? Und ja, wir haben sie provoziert! Na und? Mit jedem Schlag lernen wir dazu, lernen unsere Gegner kennen…”
“Gegner? Hab ich was verpasst? Und was heißt hier provoziert? Das war gar keine Kneipenschlägerei?“
„Ben sagte, die schwarzen Weiber hätten ein nicht zu knackendes Halswirbelgewebe…“
„Wir haben verloren, Fred! Der Krieg ist vorbei. Wir brechen von niemandem mehr das Genick, Fred! Wir sind Polizisten!”
“Der Krieg ist vorbei, wenn wir wieder ein souveräner Staat sind!”
“ Wir sind souverän, Fred. Niemand hält uns an der kurzen Leine. Sie haben uns nicht mal die Rüstung sanktioniert. Und verdammt noch mal, wir haben sogar eine Sneef zur Außenministerin gemacht. Sie vertritt UNSERE Interessen. Was willst du noch beweisen?“
“Entschuldige Line.“
“Schon gut Schatz. Aber versprich mir, dass ihr nur noch gegen Drills kämpft, wenn ihr auch eine Chance habt, zu gewinnen.”
“Versprochen.” Unter leichtem Stöhnen beugte Frederick sich vor und küsste seine Frau. Als er sich wieder in die Kissen sinken ließ, hielt er triumphierend die Tube in der Hand.
„Fred!“ Pauline presste die Hände gegen die Hüften. „Du willst dir doch nicht ernsthaft deren Dreck in die Haut schmieren!“
„Warum nicht?“ Er riss die Kappe ab, schnupperte. Er verzog das Gesicht. “Wenn Doktor Warnebuch das Zeug verabreicht…”
Pauline öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ihre Brust hob und senkte sich, als wollte sie protestieren, doch ihr Herz schlug schneller. Ein Teil von ihr wollte sehen, ob es funktionierte. Ein Teil von ihr wollte, dass es funktionierte.
Frederick drückte die Tube, ein schimmerndes orangenes Gel floss auf seine Finger. Er rieb es über die Prellungen an seinem Brustkorb, über die Verbände. Zischte leise, als die Haut kühlte. Dann lehnte er sich zurück, als zöge ihn etwas von innen gerade.
„Heilige Scheiße…“ Er lachte heiser. „Das brennt… aber es brennt gut.“
Pauline stand da, die Arme verschränkt, das Gesicht finster. Doch ihre Augen klebten an ihm. Sie sah, wie die Anspannung wich, wie die Schultern sich aufrichteten, wie seine Haut unter dem Gel lebendiger wirkte.
DAS Funkeln galt nun wirklich ihr. Frederick grinste spitzbübisch, nahm seinen Arm aus der Schlinge und schlug die Bettdecke zur Seite. Paulines Herz schlug höher als ihr Blick an ihrem Mann herunter glitt. Außer der orangenen Paste, war seine Brust makellos. Seine Bauchmuskeln gespannt, nur um ihr zu zeigen, wie gut sie wieder aussahen. Ihr Mund wurde trocken. Unter den Shorts sah sie das Paket, das sie so lange vermisst hatte. Aber all das hatte sie einer Lesbe zu verdanken. Einer, die ihrem Mann erst all das Leid antat, um es mit einer Tube aus dem Erste-Hilfe-Päckchen wieder gut zu machen.
“Knie dich hin, Blasehase!” Seine Stimme war hart, befehlend.
Das Wort traf sie härter als der Tonfall. Ein alter Kosename. Aus einer Zeit, in der sie gelacht hatte, statt gezittert. Als es noch Alkopops, statt Gemüsereis zum Abend gab. Früher hätte sie ihn verspottet, das Spiel gedreht, sich Zeit gelassen. Heute kniete sie. Nicht wegen seines Befehls. Es war das Gel, das durch seine Muskeln sprach. Und ihre Unsicherheit der letzten Male. Wenn nur eine Kleinigkeit nicht passte – Timing, Stimmung – zog sich Frederick’s Krieger zurück, und alles war aus. Sie wollte es doch auch so sehr wieder spüren. Brav kniete sie sich hin, gehorsam blickte sie ihm tief in die Augen, während er näherkam. Heute gab es keine Unsicherheit…
Frederick‘s Stimme ließ alles vergessen…
Später, im Halbdunkel, lag sie unter ihm. Sein Griff war fester, sein Atem voller Kraft, wie sie es so lange vermisst hatte. Jeder Stoß, jeder Biss, jeder Schlag erinnerte sie an die Nächte, die sie beinahe vergessen hatte. Sie schrie auf, nicht nur vor Lust, sondern auch vor Wut, weil sie wusste: Es war nicht er. Es war das Gel. Es war die Drill, die zwischen ihnen lag wie eine dritte Haut.
Als Frederick sich neben sie sinken ließ, schwer atmend, zufrieden, fühlte Pauline Tränen in den Augen. Sie wandte den Kopf ab, damit er es nicht sah. Er sollte nicht enttäuscht sein, von seinem “Blasehase”.
“Line?”
Oh nein! Nicht diese Frage, Fred! Pauline unterdrückte mit unmenschlicher Gewalt ein Schluchzen.
“Ja.” Ihr Mund sprach das Wort, aber in ihrem Innern war es ein Verrat an ihr selbst.
Und in Gedanken vollendete sie den Satz: Ich bin auch gekommen. Sie wollte nicht lügen, aber er hatte einen perfekten Morgen verdient.
Als Frederick zufrieden eingeschlafen war, stahl Pauline sich aus dem Bett. Sie hatte Angst ihn zu wecken. Warum? Das war ihr doch sonst egal? Angst vor Runde zwei? Sicher nicht. Aber Angst davor, dass er den Buchsaibling erneut benutzte. Kurzerhand griff sie die Tube, versteckte sie und eilte unter die Dusche. All die orangenen Spuren auf ihrer Haut mussten verschwinden.
Das Wasser brannte heiß auf ihrer Haut und sie schrubbte so heftig, bis ihre Haut rot wurde. Als könnte sie die Hilfe der Drill damit hinfort spülen.
Pauline hat gesehen, dass das Gel funktioniert.
Sie hat nicht gesehen, was es ihr nimmt.
Am nächsten Morgen wird ihr Körper sich erinnern.
Ihre Beziehung auch.
Und sie wird zum ersten Mal spüren,
dass Nähe ohne Forderung sich anders anfühlt
als Nähe mit Macht.
Nächste Woche beginnt Pauline zu merken,
dass Heilung nicht das ist,
was sie gestern Nacht bekommen hat.
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