Kontaktzone – Kapitel 1

Kapitel 1 – Traum aus Stahl und Haut

Pauline stand allein in der Empfangszentrale des LKA 1. Die mintgrünen Wände, das stumpfe Licht der Neonröhren, das ewige Summen der Klimaanlage – alles so vertraut wie die Linien ihrer eigenen Handfläche. Es roch nach kaltem Kaffee, nach Papier, nach Schweiß, der sich in Jahrzehnten in die Möbel gefressen hatte. Selbst die Kaffeemaschine gluckste in ihrem Takt, so wie sie es immer tat, wenn der Brühvorgang endete.

Doch heute war die Zentrale eine Bühne, und sie war die einzige Darstellerin.

Die Sonne, die durch die schusssicheren Fenster drang, brannte ihr ins Gesicht. Draußen lag die Stadt in Sommerschwüle, Berlin unter einer Decke aus Stimmen, Motoren, Hitze. Drinnen aber kroch ihr die Kälte der Klimaanlage über den Nacken, erzeugte eine wohlige Gänsehaut auf ihren Armen. Ein Widerspruch, so scharf, dass er sie reizte.

Pauline trat ans Fenster, legte die Stirn gegen das Glas und genoss den Druck. So viele Nächte hatte sie hier verbracht. So viele Stimmen hatte sie durch die Gegensprechanlage gehört: Verlorene, Betrunkene, Verletzte, Mütter, die weinten, Väter, die drohten, Kinder, die schrien. Manche Geschichten hatten sie erschüttert, andere hatten sie zum Lachen gebracht. Und manchmal, ganz selten, war da ein Moment, der sie berührte, der ihr zeigte, warum sie diesen Job liebte.

Heute aber war es nur sie und ihr Atem, der den Raum füllte. Nur ihr Herzschlag, der sich in den Fensterscheiben brach, begleitet vom Knacken und Nuscheln der Funkanlage.

Sie drehte sich, griff nach dem Mikrofon der Gegensprechanlage. Ihre Finger strichen über den kalten Schwanenhals. Sie spürte jede Rille, jede scharfe Kante, die das Metall über die Jahre davongetragen hatte. Ein Knopfdruck – die Gegenstimmen der Kollegen verstummten. Lauschende, atemlose Stille.

Ihr Herz hämmerte. Alle Kollegen hörten nun zu. Sie beugte die Lippen zum Mikrofon, so dicht, dass sie die Kälte des Metalls spürte. Allein im Büro. Allein mit Berlin. Niemand kontrollierte sie. Ihr fiel die Stimme ihres Ausbilders ein: Funkdisziplin wahren, Faust! Doch der Gedanke machte es nur aufregender.

Sie setzte gerade an, da war plötzlich ein Geräusch hinter ihr. Schritte. Kein Kollege. Keine Uniform. Die Spiegelung im Fenster verriet ihn.

Sein Schatten füllte das Fenster. Seine breiten Schultern, wie er ungeniert hinter sie trat, hatte etwas Erregendes an sich. Der Jeansstoff seiner Hose strich über ihr Kleid, ein Gürtelknopf drückte sich gegen ihren Hintern. Hände legten sich auf ihre Schultern, glitten langsam ihre Arme hinab, bis zu ihren Handgelenken.

Ein metallisches Klicken.

Kalter Stahl schloss sich um ihr rechtes Handgelenk, dann um das linke. Ihre Arme wurden nach hinten gerissen. Handschellen. Die Acht, wie sie unter Kollegen genannt wurde.

Pauline keuchte, wollte sich drehen, doch der Mann hinter ihr presste sie gegen das Pult. Ein Brummen von ihm reichte aus, um jede Gegenwehr aufzugeben. Seine Brust an ihrem Rücken, sein Atem an ihrem Ohr. Sie fühlte sich wie eine Beute, fixiert und ausgeliefert – und sofort schoss die Hitze des Verlangens durch ihre Adern.

„Fred…“, hauchte sie.

Er antwortete nicht mit Worten, sondern mit einem Schlag auf ihren Hintern. Schmerz und Lust verschmolzen. Ein Aufschrei entwich ihr, hallte durch die Zentrale – der Sendeknopf leuchtete rot, alle hörten zu. Seine Hände packten ihre Hüften, zwangen sie gebeugt über das Mikrofon. Pauline biss sich auf die Unterlippe, presste die Stirn gegen das Glas.

Der Schlag, ein Biss in ihren Nacken, die Acht, die sie fixierte, die raue Stimme ihres Mannes – das alles zog sie tiefer. Sie fühlte sich wie eine Flamme, gefangen in einem Käfig, der ihr zugleich Freiheit gab.

Dann – ein Ruck. Eine Hand an ihrem Arm.

„Line. Wach auf.“

Die Stimme war dieselbe. Aber anders. Erschöpft, schwach.

Pauline schlug die Augen auf, doch konnte sie nichts sehen. Ihr Gesicht war im Kissen vergraben. Schweiß klebte an ihrer Haut, die Laken waren feucht. Sie lag in ihrem Bett. Der Traum zerrann zwischen den Fingern, aber die Hitze blieb.

Sie drehte den Kopf zur Seite. Über ihr beugte sich Frederick.

Doch nicht als Liebhaber. Sondern als Wrack.

Er stank nach Bier, Rauch und Kneipe. Sein Haar war zerzaust, getrocknetes Blut klebte in seinem blonden Bart. Er musste aus dem Mund geblutet haben. Auf seiner Stirn prangte ein Pflaster, sein linker Arm hing in einer selbstgemachten Schlinge, das Hemd war zerfetzt, die Jeans aufgerissen. Blaue Flecken, Schürfwunden, der Geruch von Metall und Straßenstaub.

„Oh Gott, Fred!“ Pauline fuhr hoch, das Adrenalin des Traums verwandelte sich in kalte Angst. „Was ist passiert?“

„Nichts.“ Seine Stimme war heiser, gebrochen. „Nur ’ne Kneipenschlägerei.“

Er versuchte zu lächeln, doch es war mehr ein Zucken.

Pauline packte ihn, half ihm aufs Bett, zog vorsichtig die zerrissenen Sachen von seinem Körper. Jeder Verband, jede Prellung schrie ihr ins Gesicht: Gefahr, Einsatz, wieder einmal.

„Verdammt, Fred. Du kommst nach Hause, als hättest du einen Krieg überlebt. Für was? Für wen? Eine Sauftour darf so nicht enden!“

Frederick seufzte, legte den Kopf ins Kissen, die Muskeln erschöpft. „Für das Vaterland. Für das Team. Sie haben es nicht anders verdient.“

Pauline schüttelte den Kopf, Tränen brannten in ihren Augen, die sie nicht zeigen wollte. Sie schnitt vorsichtig den Stoff seiner Jeans auf, legte den Verband frei. Blaue Flecken, Blutergüsse, Schrammen. Aber kein Loch. Kein Schuss. Kein Stich. Und noch vor zehn Jahren undenkbar: Auch zum Glück keine Klauenwunden. Noch nicht.

„Vaterland… in einer Kneipe…“ Pauline schüttelte den Kopf. „Du brauchst ein Krankenhaus.“

„Nein.“ Er schloss die Augen. „Nur Schlaf.“

Pauline kniete neben ihm, betrachtete sein Gesicht, das sie liebte und hasste zugleich. Liebte, weil er ihr Mann war. Hasste, weil er sein Leben wegwarf, als wäre es nicht auch ihres. Er hatte sich mit Drills angelegt. Oder sie sich mit ihm. Wieder einmal. Aber wenn es gegen ihr Land ging… Hätte sie dann nicht auch ausgeteilt? Ja. Trotz der Angst um ihr Leben: ja.

Sie holte Salben, Verbände, versorgte ihn schweigend. Ihre Hände arbeiteten routiniert, ihr Herz schrie. Als sie ihn endlich zudeckte, war sie leer.

Da fiel ein Zettel aus Freds Jeans. Blutverschmiert, aber eindeutig ein Einsatzbericht der Kollegen der Nachtstreife.

„…Frederick Wolf und acht weitere der Einsatzgruppe B des MEK der Bundespolizei hatten eine Auseinandersetzung mit sechs Mitgliedern der Portalwache Tempelhof. Alle waren zum Tatzeitpunkt außer Dienst. Neun Menschen und eine Drill wurden bei der Auseinandersetzung verletzt, keine Person erstattet Anzeige. Alle verweigern medizinische Behandlung. Das Verfahren wird eingestellt.“ Kein Wort über eine Anzeige wegen Volksverhetzung oder den Tatbestand der Beleidigung. Zu neunt hatten sie sich auf sechs Frauen der Portalwache gestürzt und den Frack versohlt bekommen. Drills waren Monster. Aber man legte sich nicht mit diesen Frauen an – nicht ohne Schutzausrüstung und Gummiknüppel. Es war nichts anderes als Männertestosteron und Dummheit.

Vaterland, von wegen. Schwanzvergleich! Das war es in Wirklichkeit! Pauline kochte. Sie musste hier raus, bevor sie die Arbeit der Drills noch beendete.

Sie warf die Nachtwäsche ab. Im fahlen Licht des Schlafzimmers zeichnete sich die Muskulatur ihres Rückens ab, die Definition ihrer Waden, das Ergebnis jahrelangen Trainings. Die Wut und Angst in ihr verlangten nach Bewegung. Nach Luft. Nach Schmerz, nach Kraft, die ihr gehörte. Sie griff nach ihrem Bauchgürtel mit der Walther und dem Player, steckte sich die Kopfhörer an und verließ das Haus.

Draußen roch die Luft nach Morgen. Nach Berlin. Nach Freiheit.


Paulines innere Welt ist Leidenschaft und Vertrauen. Doch die Wahrheit ist komplizierter: Gewalt ist Teil ihres Jobs, und in den Rissen der neuen Zeit wird aus Nähe schnell Kontrolle. Eine Entscheidung steht im Raum, die nicht nur den Körper betrifft – sondern Loyalität, Ehe, und das, was Pauline bisher für unmöglich hielt.

Danke, dass du gelesen hast. Pass gut auf dich auf – und lies nur weiter, wenn es sich für dich richtig anfühlt.


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