Der Besuch der alten Dame (Vidal & Monique) – Humorvoller Einstieg

Kazamira bei Nacht: Ein Gespräch unter Geistern

Die Nacht ist über Kazamira hereingebrochen. Die alte Stadt der Magierinnen schläft nie, doch sie kommt ein wenig zur Ruhe. Anständige Magierinnen und Händlerinnen haben den Schmugglerinnen und Krämerinnen Platz gemacht. Selbst die „Drei Kupferdrachen“ haben ihre Tore bereits geschlossen. Nur in einem Zimmer, oben unterm Dach – dem geheimen Zimmer – brennt noch Licht. Oder zumindest spendet der Kamin noch Wärme und ein wenig Helligkeit.

Ich sitze in meinem Ohrensessel, zurückgelehnt, eine Tasse mit heißem Tee in der Hand, und betrachte den Dampf, der aus der Tasse schwebt.

„Ich hätte ja Kaschich genommen“, meldet sich Vidal aus dem Sessel gegenüber. Die flaschengrüne Sneef mit den weißen Haaren und den magentafarbenen Augen räkelt sich quer über den breiten Blattledersessel. Die nackten langen Beine streckt sie weit über die Armlehne, nur um sie im nächsten Augenblick wieder unter sich zu vergraben. Ihre durchsichtigen Fühler dehnen sich zur Decke wie die Ohren eines müden Hundes.

„Kaschich? Euer sneefischer roter Kaffee? Danke, aber da bin ich wohl zu viel Mensch, Herzchen“, brumme ich. „Nein, meine Liebe. Der Tee entspannt mich und ich sortiere meine Geister.“

„Wie nennst du mich?“ Vidal gähnt herzhaft. Natürlich ohne die Hand vor den Mund zu nehmen. Ich liebe das Leuchten, das von ihr ausgeht. Ihre Hautfarbe taucht mein Buchzimmer in grünes Licht. Mit dem Flackern des Kamins wird mir klar, warum ich hier sitze.

„Sag mal, Walter. Wenn ich hier als dein Geist nur mit meinem Pyjama-Oberteil sitze: Wo ist die untere Hälfte?“

„Du bist kein Geist. Das sagt man nur so. Und dich könnte ich eh nicht sortieren. Sowie ich dich in einer Schublade hätte, würdest du doch sofort in eine andere schlüpfen, nur um mich zu ärgern.“

Vidal hat es schon verstanden. Ich seufze. Sie deutet auf ihre Beine und setzt eine fragende Miene auf.

„Vielleicht hat sie die Schwester deiner Freundin? Vielleicht tanzt Polja damit gerade durch Kazamiras Clubs?“

„Dieses Luder!“ Vidal ist bereit aufzuspringen. Ich grinse. Wie schön es ist, die Triggerpunkte meiner Protagonistin zu kennen. „Beruhige dich, Herzchen. Sie ist jung.“

„Die Hose ist nicht für sie, Walter. Wenn überhaupt, dann …“

„… darf nur Caitlin die Hose tragen. Ich weiß.“ Ich seufze über meinen Tee hinweg. Ich erinnere mich. Als ich Vidals Tiefpunkt schrieb und Polja sie ankerte. Schön und traurig zugleich. Junge Liebe, Kater, Heilungsschmerzen, ein vorgehaltener Spiegel.

Eine Bewegung reißt mich aus meinen Gedanken. Vidal steht auf und kommt in ihrem unnachahmlichen Gang auf mich zu. Sie stützt ihre Hände auf den alten, massiven Schreibtisch und beugt sich zu mir herunter. Ich muss schlucken. Ich versuche, ihr nur in die Augen zu schauen; als mir das nicht gelingt, blicke ich schnell wieder auf den dampfenden Tee.

„Hat es vielleicht noch einen Grund, warum ich halbnackt in deinem Kaminzimmer sitze?“ Ihr Schnurren geht runter wie Öl. Heißes, brennendes Öl.

„Ich wollte nur mit meiner Lieblingsprotagonistin plaudern. Das ist alles.“

Da schlägt meine Tür auf. Ein junges Mädchen platzt herein und fläzt sich auf den Blattledersessel, auf dem gerade noch Vidal gesessen hat. Als hätte sie nur darauf gewartet. Monique, die junge Kampfsportlerin aus dem AISD-Diplomatenviertel in Druusa, muss wohl etwas Wichtiges auf dem Herzen haben. Sonst wäre sie nicht hier.

„Wisst ihr, was komisch ist?“ Der Lutscher in ihrem Mund versucht Platz zu machen, was den Stiel hektisch hin und her wirbeln lässt.

„Wer bist du überhaupt, Menschenmädchen?“ Vidal kippt ihren Hintern zur Seite, um die Neue betrachten zu können, und ich frage mich, ob Vidal wenigstens Unterwäsche trägt. Ich würde meine Hand nicht darauf verwetten.

„Warum haben Vampire Riesenschwänze?“

Ich verschlucke mich und huste in meinen Tee. Vidal legt eine Hand auf ihre Hüfte, mustert das Mädchen mit einer erhobenen Braue. „Vampire haben Fangzähne. Wie Drills. Keine übertriebenen Geschlechtsteile, Kleine.“

Monique blickt erstaunt, als hätte sie einen Vortrag über griechische Mythologie gehört. „In welcher Welt lebst du? 1990?“

„Wer ist das Küken, Walter?“ Wenn mir Vidals Verführung schon Unbehagen bereitet hat, dann ist ihre zornige Seite noch furchteinflößender.

Ich putze mir die Teespritzer vom Mantel. „Darf ich vorstellen? Monique Ronneberg. Monique? Das ist …“

„Ich weiß schon. Die Alte aus deinen Romanen.“

„Alt? Für wie alt hältst du mich, Küken?“

„Na, so mindestens 30.“

„Wa …?“

„Aber zurück zu meinem Thema. Vampire sind doch untot, oder!?“

„Ich bin sieben-zwo, du Wicht! Und wenn du nicht sofort mehr Respekt zeigst …“

„Ladies! Beruhigt euch.“

„Kannst du nicht dreiundzwanzig sagen, Alte?“

Vidal rutscht von meinem Tisch. Aus der schnurrenden Katze ist eine finstere Wölfin geworden. „Wenn ich will, erscheint morgen in deiner Geschichte eine Todesanzeige: Monique Ronneberg. Überraschend von einem Tolonkaub zerrissen.“

Monique schluckt kurz. Für einen Moment ist sie wirklich eingeschüchtert. „Das … würde Walter nicht zulassen …“

„Was Vidal damit sagen will: Dein Status in der AISD kümmert sie einen Furz. Und sie kann echt fies sein, wenn ich schreibe und mir nichts einfällt. Also sei höflich. Vidal, Monique ist die Tochter der Militärattachée der Bundesdelegation der Erde, Deutschland. Und Klassensprecherin der Universität AISD. Und meine nächste große Geschichte.“

Beide funkeln sich an, bis Monique die Stille bricht. „Warum braucht ein Vampir also noch Eier und Sex?“ Sie nimmt ihren Lutscher aus dem Mund und stupst damit Vidals Nase an, die sich gefährlich nahe befindet.

Ich blinzle. „Na, weil er sich noch fortpflanzen will?“, vermute ich nachdenklich. „Wenn er doch untot ist, ist dann sein Sperma nicht auch untot?“

„Na, das gibt dann untote Kinder, vermute ich mal.“

„Aber sie sind doch unsterblich. Also wie Elfen.“

„Wechseln wir jetzt von Meyer zu Tolkien?“ Ich hoffe, Monique versucht nicht, meine Grenzen als Fantasy-Autor zu durchbrechen.

„Wechsel jetzt nicht das Thema, alter Mann. Wenn also Vampire endlos wandeln, warum müssen sie dann alle Nase lang lebende Frauen aufgabeln, um mit ihnen Sex zu haben?“

„Um zu lieben!“, korrigiere ich schnell, während ich meine PG13-Einstufung wie eine aufgescheuchte Vampirfledermaus davonflattern sehe.

„Pah. Lieben.“ Vidal schnaubt verächtlich und wirft mir diesen Blick über ihre Schulter zu, der mich ins Schwitzen bringt. Sie gleitet vom Tisch, lautlos, geschmeidig, und setzt sich nicht einfach auf Moniques Armlehne – sie fließt förmlich dorthin.

„Es geht um Hunger“, raunt sie. Ihr Gesicht ist jetzt nur noch Zentimeter von Moniques entfernt. Das Mädchen hört auf, an ihrem Lutscher zu saugen. Der Stiel steht still. Vidal neigt den Kopf, ihre Lippen schweben haarscharf über Moniques Ohr. „Es geht darum, einer Leserin dieses … Fieber zu injizieren.“ Sie streicht mit einem kühlen Finger Moniques Halsschlagader entlang, langsam, abwärts. Monique zuckt zusammen, weicht aber nicht aus.

„Es geht darum“, flüstert Vidal, und ihre Stimme vibriert dunkel, „die Leserin so sehr zum Glühen zu bringen, dass sie die Beine fest zusammenpresst und sich verstohlen umblickt, ob jemand riechen kann, wie sehr sie die Szene gerade genießt.“

Monique bleibt der Mund offen stehen. Wie in Zeitlupe nimmt sie den Lutscher beiseite. Sie blickt auf Vidals Lippen.

Ich räuspere mich laut. „Du wolltest auf ihr glühendes Herz anspielen, Vidal!?“

Vidal zieht sich langsam zurück, den Blick immer noch fest in Moniques geweitete Augen gebohrt. Ein spöttisches Lächeln umspielt ihre Lippen. „Ich wollte den Inhalt ihres Höschens sagen, aber ich dachte, ich rette dein niedliches PG13“, kontert die Jägerin trocken.

Moniques Gesichtsfarbe wechselt von Blass zu einem leuchtenden Karmesinrot. „Dark Romance ist voll unlogisch!“ Sie stopft sich den Lutscher hektisch zurück in den Mund, springt auf, als hätte der Sessel Feuer gefangen, und stürmt aus meinem Bücherzimmer.

„Wow. Die ist mal quirlig. Deine Neue?“

„Jugendroman. Und mir schwirrt jetzt schon der Kopf, wenn ich nur daran denke … Ich habe fünf davon. Und noch zwei Tiere dabei …“

„Barger vielleicht?“ Vidals Augen leuchten. Natürlich liebt sie gefährliche Raubtiere.

„Nicht Samy, aber ja … warum?“

„Hunde ziehen immer, mein Lieber. Das solltest du wissen.“

„Ja, danke, Herzchen.“

„Und Walter …?“

„Ja?“

Vidal beugt sich zu mir hinunter. Ich denke erst, sie will mir schon wieder ihr Dekolleté aufzwingen, da kommt ihr Mund so nah, dass ihr Minzeatem mein Ohr streift. „Das hier geht auf deine Kappe“, flüstert sie.

Sie springt auf, eilt durch den Raum. Mit einer Leichtigkeit steigt sie auf die Fensterbank. Einen Herzschlag lang steht sie auf dem Rahmen. Einer dunkelgrün leuchtenden Galeonsfigur gleich, halb bekleidet, über den nächtlichen Straßen Kazamiras.

Dann springt sie.

Nicht in die Tiefe. Ein dickes Hanfseil baumelt über der Gasse, straff wie eine Einladung. Vidal greift zu, schwingt in einem sauberen Bogen, und mit zwei, drei schnellen Griffen ist sie in der Takelage der über uns treibenden Caiti, ihrem Luftschiff.

Unten bleiben Menschen stehen, Münder offen, Finger in der Luft. Mütter pressen ihren Kindern die Augen zu, so fest, dass die Kleinen stolpern.

„Ich hätte ihr die Hose lassen sollen …“, murmle ich, trinke meinen Tee und winke Vidals knatternd entschwindendem Luftschiff hinterher.

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