Prolog – Kein Gefängnis kann uns halten
Der Wind blies steif über Grönlands Ebene auf der Erde. „Erde.“ Ein Name der auch Nährboden bedeutete. Wie passend. Und „Grönland“ war eine Lüge. Nichts war hier grün.
Der Wind ließ keine Wärme in Kaala Merikot übrig, als hätte er gelernt, unter jeder Kante hindurchzugleiten. Er tastete sich in Nähte, suchte das kleinste Leck zwischen Kapuze und Schal, fand schließlich doch den schmalen Spalt am Ohr und biss hinein. Das Thermometer an Kaalas Ärmel zeigte seit der Landung stabile –15 °C, eine verlogene Zahl, wenn man den Windchill zum Feind hatte. Doch Schutz vor dem Wind zu suchen, war keine Option.
Der Schnee ringsum war kein Pulverschnee mehr, sondern eine feste, glasige Haut auf der Welt. Er knirschte, wenn man ihn brach, und gab unter Stiefeln nach, wie unter dünnem Porzellan.
Keine Kameradin kannte ihren Namen. Hier wurde sie Eins genannt. Sicherheit und Anonymität waren auf dieser Mission, auf diesem Planeten der Menschen, äußerst wichtig. Keine Information durfte nach draußen dringen. Dafür führte Eins diesen Trupp aus Kameradinnen. Niemand sollte erfahren, welche Gefahren hier lauerten. Dafür würden Eins und ihr Trupp schon sorgen.
Eins war es egal, wie groß die Gefahr für die Menschen war. Kannst du nicht gewinnen, bist du zu schwach, hatte ihre Mutter gesagt, und sie hatte recht. Menschen waren in dieser Rechnung schwache Randnotizen. Aber für ihre Fürstin würde Eins vor der Tür der Menschen aufräumen.
Ihr Atem gefror an der Schutzmaske zu feuchtem Reif, der in kurzen Abständen abplatzte, wenn sie den Kiefer bewegte. Hinter dem Schutzlid über ihren Augen brannte das Weiß – dieses überbordende, gleichgültige Weiß, das jeden Schatten schluckte und den Horizont wegwischte, bis Himmel und Erde zu einer einzigen grauen Fläche verschmolzen. Wer hier stand, brauchte einen Anker: ein Geräusch, eine Farbe, einen Geruch. Eins hielt sich am Surren der internen Funkleitung fest und an Vier neben ihr, deren leises, kontrolliertes Atmen im Ohr lag wie ein Puls.
„Dort“, sagte Vier. Keine große Geste. Nur ein leises Anheben des Fernglases, dessen Riemen an der Kapuze schabte.
Eins folgte dem schwarzen Punkt, der aus dem Weiß gefallen zu sein schien. Erst einer. Dann zwei. Dann drei. Die Linien dahinter pulsten im Rhythmus der Peitschen, wurden breiter, bekamen Fell.
„Schlitten“, murmelte Eins, ohne den Blick zu lösen. „Drei Gespanne. Keine Motoren.“ Ihr war, als verändere sich die Luft, sobald man Motoren nannte, als horche die Ebene mit. „Die Umbra möchte unauffällig sein.“ Der Anflug eines Lächelns blieb hinter der Maske hängen.
Vier brummte etwas, das wie Zustimmung klang. „Deswegen höre ich keine Schneeraupen.“
„Und deswegen ziehen dort Barger“, erwiderte Eins. „Schwarzes Fell, schnell, stark und leise. Keine Menschenschlittenhunde. Unsere Tiere. Unsere Versicherung.“
Vier senkte das Fernglas. „Ob die Schnitzel das merken?“ – Schnitzel: unser Wort für neugierige Zivilaugen, hier meist Sneefs. Körperlich schwach, geistig scharf. Zu viele Fragen, zu mächtig in der Politik.
„Wenn jemand genauer hinsieht, ist die Tarnung dahin“, sagte Eins. „Bis dahin sind wir menschliche Forscherinnen im Nirgendwo. Und weder Schnitzel noch Einheimische lesen den Unterschied zwischen Huskies und Bargern.“
Vier lachte heiser. „Menschliche Forscherinnen? Die Menschen sind rosa. Wir sind nicht rosa!“
„Wir haben Schneemasken auf, Vier!“, gab Eins bissig zurück. „Warum wohl?“
Sie ließ den Blick schweifen: hinter ihnen die Senke, in der die Forschungsstation Barakest lag. Oder besser: was davon übrig war. Ein Trümmerfeld aus verbissenen Kanten und eingedrückten Schächten, als hätte ein Riese mit kalten Händen feste Schneebälle geformt.
Ihr Kommando stand um die Ränder der Station verteilt, schottete die Station ab, ohne militärisch zu wirken, rote zivile Thermojacken über Waffen, die besser niemand sehen sollte. Aus der Luft wirkte das wie ein Such- und Rettungstrupp. Am Boden, aus der Nähe, sah man die Abstände, die Blickachsen, die kleinen, unscheinbaren Korrekturen, die Profis machten, wenn sie arbeiteten und gleichzeitig beobachteten.
Vier ließ dennoch den Blick kurz nach oben zucken, das alte, gelernte Zucken aller, die Satelliten fürchten mussten.
Eins’ Ton, nur einen Hauch schärfer als nötig, holte sie zurück. „Nicht in den Himmel starren. Wenn uns jemand beobachtet, sehen sie deine Augen zuerst.“
„Ja, Ma’am.“ Vier zwang den Nacken wieder in die Horizontlinie. Der Wind zerrte an ihrer Kapuze, zupfte Fäden aus dem Saum und trug sie davon, als handele es sich um Spuren, die er beseitigen wollte.
Die Schlitten wurden größer, bekamen Details: Eiskrusten an den Kufen, Atemfahnen der Barger, das rhythmische Heben und Senken der Schultern. Der vorderste Schlitten fuhr nicht gerade; er führte das Feld in einem Bogen, der die Senke schnitt, ohne je den direkten Weg zu nehmen. Um die Sichtachsen herum, dachte Eins zufrieden. Jemand, der weiß, wie man ankommt, ohne angekommen zu sein.
Als die Gespanne bremsten, sprang eine Frau vom ersten Schlitten, noch bevor die Kufen ganz zum Stehen kamen. Sie trug dieselbe zivile Rotjacke wie Eins, aber sie trug auch etwas Unsichtbares mit sich, das die Luft veränderte – ein Druck, eine Sauberkeit.
Die zweite Frau vom Schlitten blieb eine Winzigkeit länger sitzen, sprang dann ebenso mühelos und ließ die Sturmwaffe der Menschen offen an ihrer Seite hängen. Zeichen sind manchmal dazu da, gesehen zu werden.
Eins trat vor, die Kälte knackte im Stoff des Mantels. Sie hob die Hand nicht zum Gruß; es wäre ein falsches Zeichen gewesen. „Es ist mir eine Ehre, Sie zu begrüßen, Fürstin Mondre.“
Neben ihr sog Vier scharf die Luft ein, dieses unwillkürliche Geräusch, das junge Soldatinnen machten, wenn ein Name plötzlich zu einer Person wurde.
Die Fürstin nickte, zog die Kapuze nur so weit zurück, dass man das Profil sah – eine feine, strenge Linie, die auch Wind nicht verwischte. Ihre Stimme war nicht laut. Sie war einfach da. „Lieutenant. Bericht.“
Eins deutete auf die Senke. „Die Anlage ist stabilisiert. Wir haben den Zugang gesichert und das provisorische Stromnetz etabliert. Sichtbare Spuren wurden …“ Sie hielt inne. … was? Getilgt? Nein. „… gekennzeichnet.“
„Wie viele?“ fragte die Fürstin.
Es war keine rhetorische Frage; sie kam aus einer Stelle in der Stimme, in der man später Schuld ablegt oder annimmt.
Eins spürte, wie sich etwas in ihrem Rücken aufrichtete. „Drinnen.“ Sie wies auf den schmalen Eisspalt, hinter dem sich die massive Stahltür verbarg. „Bitte.“
Der Eingang lag geschützt hinter einer schrägen Scholle, die der Sturm wie eine Wand vor die Tür geschoben hatte. Zwei der Wachen rückten sie einen Fingerbreit zurück, gerade genug, dass die Leibwache mit Vier, Eins und der Fürstin durchkam. Ein kurzer Druck auf das Feldpanel, die Schleuse summte, warme Luft tastete ihnen entgegen – nicht wirklich warm, aber warm genug, um die Ränder der Maske feucht zu machen, warm genug, um den Geruch zu tragen: Metall, Öl, ein Hauch von Ozon und Elektrik. Und darunter, schwerer, süßer, falsch: schwarzes Blut.
Gleich hinter der Schleuse begann die rote Dämmerung der Notbeleuchtung. Es lag an der Wellenlänge – Menschen würden hier nichts sehen als dunkle, tiefe Schatten; Drills sahen ausreichend. Taktik geht vor Komfort, dachte Eins. Niemand außer einer Drill sollte ohne technische Hilfsmittel in die Anlage eindringen und sehen, was nicht gesehen werden sollte. Eins zog ihr Schutzlid zurück und sah die Anlage ungefiltert in rotem Licht erstrahlen.
Das erste, was eine Gestalt bekam, war die Wand neben der Tür. Kratzspuren. Nicht die feinen Muster, die panische Menschenhände machten. Es waren vier parallele Furchen, dreißig Zentimeter auseinander, in den Lack geschnitten bis auf blankes Metall. Eine Männerkralle, eindeutig. Eis hatte sich in die Scharten gelegt und bildete kleine Dornen.
Unter den Scharten war die Wand übersät mit Blut. Eine Drill hatte im Todeskampf Schleifspuren in ihrem schwarzen Blut hinterlassen. Ihren Körper hatte Eins’ Kommando bereits eingepackt und eingelagert. Eine Soldatin hatte den Namen der Technikerin Moisla in den Reif geschrieben – Buchhaltung gegen die Massen der Toten, um den Überblick der unzähligen Leichen zu behalten, die in dieser Katastrophe umkamen.
„Die Technikerin hat das Tor versiegelt“, sagte Eins. Sachlich. Und doch fühlten sich die Worte an, als spräche sie sie zum ersten Mal aus. „Dann starb sie durch das Männchen.“
Die Fürstin blieb einen Atemzug lang stehen. Sie nahm die Brille ab, nicht um besser zu sehen, sondern um nicht dahinter zu sein. Das Gesicht, das auf Geldscheinen makellos war, bekam hier kleine Unebenheiten – eine Müdigkeit an den Rändern der Augen, eine Wachheit im Blick. „Moisla…“, wiederholte sie den Namen als wolle sie ihn unbedingt behalten.
Sie zog einen Handschuh aus und strich mit schwarzen Fingern, makellos manikürten Klauen, über das geronnene Blut. Mit diesem letzten Kontakt erwies sie der Technikerin eine Ehre, die den meisten Drills auf ewig verwehrt blieb.
Der Duft der jungen Drill-Technikerin wirbelte auf und riss Eins die Bilder zurück: ihre Jugend, der verdrehte Körper, die tiefen Bisswunden, der leere Blick.
„Wie viele sind entkommen?“
Eins schüttelte die Bilder ab. Die Fürstin hatte sich schon wieder gefangen. Die Fürstin des Südens, die Herrin dieser Forschungsmission, hatte die Frage gestellt. Nicht die trauernde Kommandantin.
Eins spürte, wie Vier neben ihr die Hand an den Riemen legte, als könne Griffkraft etwas retten. „Von dreizehn Experimenten waren zwölf außerhalb, als das Dach kam. Fünf Sender konnten wir orten. Alle fünf …“ – sie suchte das richtige Wort und fand nur das einzige – „tot. Von sieben Sendern fehlen die Signale.“
Der Gang atmete, als hätten die Wände ein Zwerchfell. Sieben. Es war nur eine Zahl, aber sie bewegte Dinge in Köpfen. Sieben Männchen – genetisch verändert, abgerichtet, überschrieben – auf einer Welt, die noch dabei war, Sneefs in Postern zu verarbeiten.
„Dieser hier?“ Die Fürstin berührte mit einem Handschuh erneut die Kratzspuren.
„Lebt. Der einzige Überlebende, der innerhalb der Station wütete“, sagte Eins. „Und redet.“
„Da ist noch etwas, meine Fürstin …“, Eins zögerte, „Professorin Gnuetisch ist weder in der Basis, noch fanden wir draußen Spuren von ihr. Wir müssen davon ausgehen …“
„Machen Sie sich um Gnuetisch keine Gedanken. Sie wurde in Berlin, Deutschland gesichtet. Die Umbra kümmert sich bereits um die Spurbeseitigung dort.“ Der Ton der Fürstin war Eis.
Sie gab kein Zeichen, das man als Erlaubnis lesen konnte. Sie blickte ein letztes Mal auf die Kratzspuren, wandte sich ab und ging entschlossenen Schrittes deren Urheber entgegen.
Das Notlicht summte ein wenig lauter, als sie Tiefe gewannen. Irgendwo tropfte Wasser, regelmäßiger als ein Herzschlag. Sie passierten zwei Schleusen. Das Kommando hatte in einer Nische einen Verbandsplatz mit den Resten des Lazaretts aufgebaut. Zwei leere Tragetaschen für humanoide Körper lagen wie aufgeschlagene Zungen auf den Behandlungstischen. Sie bogen in den Labortrakt ein, der mit Metallstreben zusammengehalten wurde wie ein gebrochener Arm.
Der Käfig stand am Ende des Labortraktes, halb in den Schatten, halb im dämmrigen Rot. Er war stabil – übertrieben stabil für Menschen, doch er sollte ja auch keinen Menschen fesseln. Ein Drill-Mann war etwas ganz anderes.
Sie wurden kurzerhand Männchen genannt.
Darin hockte er. Ein Männchen.
Wer sie nicht kannte, hätte Hund mit Menschenkörper gesagt, wäre dann an der Stelle hängen geblieben, wo das Wort nicht mehr reichte. Ein Lykanthrop oder Werwolf hatten die Menschen oft dazu gesagt. Sie hatten wohl in ihrer Frühzeit Fantasien über Drill-Männchen gepflegt, in denen Drill-Männchen nur bei Mondlicht existierten und sich tagsüber in schwache Menschenmänner verwandelten.
Schwarzes, öliges Fell überzog das deutlich geschwächte Männchen. Zu viele Wunden musste er in kürzester Zeit heilen, ohne an Nahrung zu kommen. Doch er atmete, grinste, und die Augen: zu wach.
Eins öffnete den Mantel um eine Handbreit, damit die Waffe frei war, ließ sie aber unten.
Die Leibwachen der Umbra hoben fast im selben Takt die Läufe; jemand hinter ihr atmete zu schnell. Nicht provozieren, dachte sie, nicht imponieren. Nur sein.
Das Männchen hob den Kopf, als riefe man seinen Namen in einer fremden Sprache. Es setzte ein Lachen an. Das Geräusch war klein und falsch, weil es dort gemacht wurde, wo Lachen nicht vorgesehen war – tief, kehlig, mit einem Rost darin, der an alte Rohre erinnerte.
„Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten“, grollte er, „redete mit mir und sprach …“ Die Worte stolperten nicht. Sie fanden ihren Weg, als hätten sie ihn geübt.
„Was weißt du über deine Brüder?“ Die Fürstin schnitt durch die Zitation, ohne die Stimme zu heben. Sie stand so, dass der Schatten der Gitterstäbe ihr Gesicht nicht zerteilte.
„Was weiß ich über meine Brüder, König?“ Er neigte den Kopf, als schmecke er an dem Wort. „Nichts weiß ich über meine Brüder, König. Alles weiß ich über meine Brüder, König.“ Er rutschte ein Stück vor, so weit, dass die Riegel sacht klirrten. Selbst im Sitzen reichte sein Blick auf Höhe der Fürstin. „Doch will ich es dem König sagen … oder seinen Huren?“
Das letzte Wort trug eine fremde Grammatik in sich; es lag schwer im Raum, nicht nur als Beleidigung, sondern als Kategoriefehler.
Vier spannte unwillkürlich den Kiefer. Eins hörte das Knirschen ihrer Zähne. Sie hörte auch, wie jemand hinter ihr die Finger einmal öffnete und schloss, um sie zu beruhigen. Man konnte die Szene schreiben wie eine Gleichung: Waffe im Anschlag + Lachen = Blut. Waffe unten + Lachen = Wörter.
„Du redest“, sagte die Fürstin ruhig. „Also kannst du auch antworten. Wo sind die sieben?“
Der Drill blinzelte langsam, eine Bewegung, die zu menschlich hätte sein können, wäre sie nicht so bedacht gewesen. „Hier.“ Er tippte mit einer Klaue gegen die eigene Brust, traf Knochen, machte ein dumpfes Geräusch. „Dort.“ Er deutete in die Wand, die gleichzeitig überall war. „Überall.“ Er lächelte nicht. „Sieben ist eine Zahl. Eine Zahl ist ein Käfig. Ihr liebt Käfige.“
Eins spürte die alte, kalte Wut, die sich meldete, wenn jemand aus einem Gitter heraus spottete. Wut hat Wärme. Aber Wärme hat in roten Gängen keinen Platz. Sie zwang den Atem tiefer, ließ ihn an den Rippen abprallen, bis er ruhiger wurde.
„Fakten“, sagte sie, nicht lauter als nötig. „Wege. Spuren. Vielleicht Namen.“
Der Drill legte den Kopf schief, als lausche er auf ein Geräusch hinter ihrer Stimme. „Ihr gebt uns Namen. Ihr nehmt uns Namen. Ihr näht sie fest mit Nadeln, damit sie nicht abfallen, wenn wir laufen.“ Er beugte sich vor, bis das rote Licht die Linien in seinen Augen betonte. „Willst du meine Spur, Hure des Königs? Sie beginnt im Schnee. Sie führt durch Wasser. Sie endet im Feuer.“
Die Fürstin hob die Hand, nicht als Befehl, sondern als Markierung in der Zeit. „Wir holen sie zurück“, sagte sie. Kein Pathos. Keine Erklärung. Nur ein Satz, in dem Arbeit lag und Schlafmangel und die Art von Verantwortung, die einen Rücken schwer macht. „Bevor sie die Welt lernen.“
Eins nickte, obwohl der Satz keine Zustimmung brauchte. Bevor die Welt sie lernt, dachte sie – und wusste, dass beides gleichzeitig passieren würde. Sie hörte in der Ferne ein leises Krachen: Irgendwo war wieder ein Brocken Eis in sich gesunken, hatte einen Hohlraum gefunden und sich eingerichtet. Manche Strukturen begruben ihr Geheimnis, indem sie es tiefer legten. Manche gaben es frei, wenn man das Falsche berührte.
„Wir fangen beim Wasser an“, sagte Eins und trat einen halben Schritt zurück, damit ihre Leute sich an der Fürstin vorbeibewegen konnten. „Es gibt Abflusskanäle, die unter der Station verlaufen. Zwei wurden vermessen. Der dritte ist ein Kartenfehler.“ Sie sah zur Fürstin. „Ich glaube nicht an Kartenfehler.“
Die Fürstin nickte knapp. „Gut. Legen Sie das Muster. Sie“ – ein kurzer Blick zu Vier, der mehr Anerkennung trug, als ein Schulterklopfen es vermocht hätte – „bleiben eng an Ihrer Lieutenant.“
Viers „Ja, Ma’am“ war leiser als ihr Atem, aber es stand, als wäre es mit Messern in die Luft geschrieben.
Der Drill kicherte, ein kleiner, falscher Ton, der an die Gitter stieß. „Muster. Muster. Alles Muster. Sogar eure Liebe ist ein Muster. Eure Angst erst recht.“ Er hob die Klaue und kratzte an einer der Stangen, langsam, als schriebe er etwas, das nur er lesen konnte. „Sieben ist auch ein Muster.“
Eins hielt seinem Blick stand, bis er wieder sank. Dann gab sie das Zeichen zum Rückzug. Der Gang nahm sie zurück wie Wasser eine Hand: ohne Spur, ohne Geräusch, außer dem Summen des roten Lichts.
Draußen, hinter der Eisscholle, wartete der Wind, als hätte er Reißverschluss gespielt und war froh, sie wiedergefunden zu haben. Die Barger schnaubten, die Schlitten schlugen mit den Kufen leicht gegen die blauen Kanten, als wollten sie sagen: Zeit, sich zu bewegen.
Eins zog die Kapuze fester, spürte den Ruck des Gewehrriemens an der Schulter und den bitteren Geschmack von Metall auf der Zunge, der sich immer dann meldete, wenn eine Entscheidung gefasst war. In ihrem Ohr klickte die interne Leitung. Muster legen. Wasser zuerst. Dann Schnee. Dann Feuer. Sie sah zur Fürstin, die den Blick kurz zum Horizont schickte, in das einheitliche Weiß, das nie Antwort gab und doch alles widerspiegelte.
„Wir fangen an“, sagte Eins, mehr zu sich als zur Welt.
Der Wind antwortete mit einem Zupfen an ihrem Ohr, als wäre er damit einverstanden. Und irgendwo unter ihnen, tief unter Schnee und Stahl, lachte etwas noch einmal ganz leise – nicht aus Freude, sondern weil Lachen manchmal die einzige Form ist, Nein zu sagen, wenn man keine andere mehr hat.
Später würden die Menschen erzählen, dass der Boden in jener Nacht gebebt habe. Manche schworen, ein fernes Knurren gehört zu haben, wie Donner unter Eis. Andere sagten, es sei nur der Wind gewesen, der über die Schollen kroch.
Doch wer in den Augen der Fürstin Mondre gestanden hatte, wusste es besser: Es war das Lachen eines Wesens, das nie hätte sprechen dürfen. Ein Lachen, das durch Stahl, Schnee und Meere kroch – bis hinunter nach Berlin.
Sieben Werwölfe auf der Erde.
Nicht Mythos. Nicht Legende. Drill-Männchen mit Verstand.
Und irgendjemand in Berlin wird zuerst merken, was das bedeutet.
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