Kapitel 18 – Merala und das Männchen

Merala zog die Barfußsocken aus und vergrub ihre Krallen tief im feuchten Rasen. Endlich wieder Kontakt mit dieser Welt, endlich wieder verbunden. Schuhe waren ihr ein Graus. Aber für den Job hatte sie die lästigen Dinger tragen müssen. Hier jedoch konnten ihre schwarzen Füße im grünen Gras versinken, und niemanden störte es. Naja. Fast niemanden.
Tatsächlich stand sie wieder im Park nahe der Friedenssäule. Dort, wo sie vor ein paar Tagen das Problem mit der abtrünnigen Wissenschaftlerin geklärt hatte. Sie hätte schwören können, dass der Duft der panischen Akademikerin noch immer in der Luft hing. Es war gerade einmal ein paar Tage her. Seitdem lief alles in die falsche Richtung.
Der Mann blickte säuerlich auf Meralas Füße. „Kannst du mir jetzt bitte erklären, warum du die verdammte Kopie gestohlen hast?! Wir brauchen das Original! Und warum lebt Kiki überhaupt noch?“
Der Mensch war gerade einmal so groß wie Merala und fett. Er brüllte, wie Männchen das eben tun. Sie bäumten sich auf, plusterten ihr Fell, drohten mit Gewalt, und eskalierten, wenn sie nicht bekamen, was sie wollten. Doch Menschen … klein und mickrig. Wenn er wüsste, was für eine Drill überhaupt als Mann durchging. Ein Drill-Männchen war zweihundert Kilo pure, hormongesteuerte Muskelmasse. Wenn da eine Drill nicht in der Brunft war, musste sie auf Zack sein. Die Erde und ihr sogenanntes starkes Geschlecht waren für eine Drill keine Herausforderung. Nicht einmal für eine Akademikerin. Deswegen hatte Merala einspringen müssen.
Der Menschenpolizist war trotzdem süß in seiner Aufregung. Irgendetwas hatten diese Miniaturen an sich, das Merala anziehend fand.
Sie drehte den Kopf, neigte ihn zur Seite. Sie genoss dieses Schauspiel und die Grashalme zwischen ihren Zehen. Was sie gerade mehr genoss, konnte sie selbst nicht sagen.
„Sie hat einen Barger“, murmelte sie, als erkläre sie einem Kind die Farben eines Baumes.
„Und wenn sie eine verfickte Bazooka hat, ist mir das egal, Merala! Du hattest einen Job!“
Sie zischte, ein Laut wie schneidender Stahl. „Wenn du noch einmal meinen Namen in diesem Park herausschreist, Männchen, dann wird deine Akte dein kleinstes Problem sein. Da drüben ist der Kanal, und du wiegst gerade mal die Hälfte von Gnuetisch.“ Ihre Stimme war leise, ruhig. Gerade deshalb verstand er.
Er schluckte, rieb die Hände an seiner Jacke trocken. Der Gestank seines Schweißes breitete sich wie eine Wolke um Merala aus.
„Ernsthaft. Was ist an diesem Hund so schlimm, dass du alles andere vergisst?“
„Hund?“ Merala kicherte, ein dunkles, kehliges Lachen. „Männchen, du hast keine Ahnung. Das ist eine Barger. Eine Telepatin. Gegen sie hätte ich keine Chance.“
„Ein … Hund, der Gedanken lesen kann?“ Maier verzog das Gesicht. „Na und? Meine Walther ist schneller als jeder Hund. Soll ich mich vielleicht darum kümmern? Ich leg die Töle um, dann machst du deine Arbeit, und wir können endlich diese Scheiße begraben!“
Sie grinste, legte wieder den Kopf schief und musterte ihn wie ein Insekt unter Glas. „Ihr Männchen seid so herrlich dumm und süß zugleich. Nein. Wenn du ihr zu nahekommst, wird sie dich durchschauen. Und wenn sie dich durchschaut, bist du tot.“
„Jetzt muss ich mich auch noch mit einem Hund auseinandersetzen …“
„Barger …“
„… mit einem Barger auseinandersetzen.“ Er knurrte und stemmte trotzig die Hände in die Hüften. „Ich brauche diese Akte! Wie gehen wir also vor?“
„Du hast die Polizistin informiert?“
„Ja. Sie packt sicher schon ihre Sachen. Mit dem Unfall ihrer Eltern im Kopf fährt sie nach Berlin zurück. Schrader wird die Sneef und die Drill allein ermitteln lassen. Solange kein weiterer Mord in Grönland passiert, bleibt das BKA draußen. Aber das löst nicht unser Problem. Im Gegenteil.“
„Die Polizistin kommt ins Krankenhaus, Männchen. All ihre Sachen werden von deinen Kollegen eingesammelt und katalogisiert. Auch deine Akte. Tausch sie aus, und wir haben dein Problem beseitigt.“
Meralas Aufgabe war erledigt. Maier hatte seine neue. Nun trieb sie die Neugier. Man sagte, die Männchen dieser Welt wären ebenfalls triebgesteuert. Ob er wenigstens wie ein kleiner Drill reagierte? Sie richtete sich auf, streckte den Rücken und schob die Brüste nach vorne, sodass der Reißverschluss ihrer Jacke bedenklich knarrte. Sie tat es ohne Scham, ohne das vorsichtige Kalkül der Menschenfrauen. Warum auch? Dieses fette Fleischpaket hier war keine Bedrohung für sie. Wenn er gierig wurde, brach sie ihm einfach die Finger. Es war ein reines Experiment der Lust.
Doch Maier würdigte sie keines Blickes. Er starrte nur auf seine nassen Schuhe.
Was für ein mickriges, verkümmertes Männchen. Sie hatte so pralle, schöne Brüste, und er war zu feige oder zu dressiert, um hinzusehen.
Sie schnaufte enttäuscht und zog eine Münze aus ihrer Tasche. „Da fällt mir was ein.“ Sie drehte das Metall zwischen den Krallen. Das Regenbogenlicht an der Sollbruchstelle glomm. „So eine hier liegt unter dem Feuerwehrwagen. Wenn du klug bist, suchst du sie, bevor die SpuSi sie findet.“
„Ein Portal-Artefakt?“ Er klang beeindruckt, fast ehrfürchtig. „Sicher. Die SpuSi übersieht sowas eh. Das war nur ein Unfall, und der Wagen stand weit genug weg. Die Kollegen sind überlastet, und wenn jetzt keiner explizit eine Erweiterung des Suchrasters angeordnet hat, werden die nichts finden.“
Merala schenkte ihm ein Lächeln, das ihre beeindruckend weißen Fangzähne zeigte. „Gut, dass du brav tust, was man dir sagt. Aber vergiss nie, Männchen: Du bist austauschbar.“
Dann zerbrach sie die Münze. Regenbogenlicht fraß den Rasen. Ein Kreis aus bunter Energie öffnete sich und zeigte die unwirtliche Umgebung Grönlands. Mit einem Schritt verschwand sie in der eisigen Hölle.
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