Kapitel 15 – Wissen aus einer anderen Welt

Pauline starrte angestrengt auf das Eis. Da! Eine Spur. Schritte. Weit auseinander. Das musste er sein! Eine Schneeböe nahm ihr die Sicht. Wenn sie doch nur näher an der Spur wäre. Sie trat einen Schritt aus der Hütte. Die MP7 bereits im Anschlag. Sofort biss der Wind so hart ins Gesicht, dass ihre Augen tränten.

„Wir müssen hinterher!“, rief sie in den Sturm. „Er kann nicht weit sein.“

Wylow packte sie an der Schulter. Nicht am Arm. Pauline schüttelte die Klaue von ihrer Schulter, wirbelte wütend herum. „Er ist direkt vor uns, Wylow! Ist dir das denn egal?“

„Nein. Ich will ihn ja auch jagen, Pauline. Wirklich. Aber hast du nicht den Sturm bemerkt? Wie kalt du warst?“ Schneeflocken peitschten Wylow und Pauline ins Gesicht. Bei Wylow schmolzen sie wie auf einer heißen Herdplatte. Pauline wurde eher zur Schneefrau.

„Wenn wir jetzt da rausgehen, erfrierst du!“

„Du kannst mich ja dann retten. Aber wenn wir jetzt nicht gehen…“

„…findet Jaalen mich morgen mit einer erfrorenen Polizistin im Arm.“

„Fuck!“ Pauline fluchte so laut sie konnte, was man vermutlich nicht mal in der Hütte hören konnte. „Und was soll das heißen? Dass du nicht erfrierst, oder was?“

Wylow lächelte. Diesmal dieses überlegene Lächeln, das Pauline zur Weißglut trieb.

„Ich bin eine Drill.“

Pauline schüttelte den Kopf und stapfte in die Hütte. Hinter ihr verschwanden die Spuren unter Schnee und Eis.

Drinnen war es klamm, roch nach Rauch, nassem Holz und altem Fischtran. Jaalen saß am Kamin und schichtete das Feuer mit ihrer Magie.

„Und was ist deine Ausrede Jaalen? Auch zu kalt für deine Fühler?“, giftete Pauline, während sie versuchte ihre Waffe von den Handschuhen zu lösen.

Jaalen drehte sich langsam zu Pauline, mit ihrem diplomatischsten Lächeln. „Keine Ausrede, Pauline. Meine Kraft ist begrenzt. Bei einem solchen Sturm kann ich alleine zwar überleben, wäre euch aber sonst kaum von Nutzen. Außerdem…“, sie stockte und senkte ihre Fühler. Auch ihr Blick wurde ernster.

Pauline riss endlich den Handschuh vom Griff, sicherte die Waffe. „Du kannst ihn nicht fesseln.“

Jaalen schreckte sichtlich auf. „Woher…?“

„Woher ich das weiß? Ist mir am ersten Tag aufgefallen. Sneefs sind normalerweise fix mit ihren Fesselkräften. Du nicht. Warum nicht, Jaalen?“

Jaalen rang um Worte. Die erste Sneef, seit den Portalkriegen, die vor Pauline um Worte rang.

„Ich… es wäre unklug darüber offen zu sprechen.“

„Blödsinn!“

„Hör auf, Pauline.“ Wylow stellte sich dazwischen. Ernst den Blick gesenkt. „Natürlich ist der Grund ein anderer. Einer den wir nicht von ihr erfahren dürfen… Habe ich recht, Inquisitorin?“

„…Ja…“, antwortete Jaalen mit einem erleichterten Seufzen.

„Na toll. Die Sneef und ihr dressiertes Bodyguard-Schornsteinfegerchen.“, giftete Pauline.

„Es tut mir sehr leid, Kommissarin. Sehen Sie es doch bitte mal so. Eine Geheimtür zum Reichstag würden Sie auch nicht einfach preisgeben, oder!?“, versuchte es Jaalen mit einer Erklärung.

Pauline setzte an, erst wütend, dann stockte sie. Die riesige Hauptstadt der Sneefs bildete sich in Paulines Gedanken. Mächtige Zauberinnen, deren Magie nichts gegen eine Horde schwarzer Bestien ausrichten konnten. „Drill-Männchen in Delameh…“, hauchte sie.

„Na so weit sind wir noch nicht Frau Kommissarin, aber ja, ein schauriger Gedanke.“ Jaalen schlug in die Hände. Eine rosa Wolke stieb durch die alte Hütte, vertrieb jeden schlechten Geruch, wärmte den Raum und schloss die zugigen Nähte mit einem glitzernden Staub. „Deswegen sprechen wir mal über Motive.“

Schlagartig waren Paulines Jacken, Handschuhe und auch die MP7 gewärmt und getrocknet. Selbst das abgerissene Stück, das noch an der Waffe klebte, fügte sich wieder in den Handschuh.

„Sneefs…“, murmelte Pauline und setzte sich zu Jaalen neben den Kamin. Nur ein Knie auf dem Boden. Bereit aufzuspringen, sollte das Männchen doch durch die Tür poltern.

„Motiv eines zweihundert Kilo wiegenden Mannes mit Stift, Papier und Hunger auf Menschenfleisch. Weltherrschaft scheidet für mich aus… Vorerst…“

„Darf ich es ihr sagen, Jaalen?“, warf Wylow ein. Sie setzte sich ebenfalls vor den Kamin.

„Was?“, fragte Pauline, während ihr Blick von einer Außerirdischen zur anderen wanderte.

Jaalen nickte.

„Es scheinen mehrere Männchen zu sein. Wenn zwei sich verbünden, beginnen sie strategisch zu jagen. Scheinattacken, Finten.“

„Ja und? Erwarte ich nicht anders bei einem Rudel Männer.“

Wylow grinste schief. „Diese „Männer“…“, sie begleitete den Ausdruck mit der Gänsefüßchen-Geste, „wollen dich unbedingt tot sehen. Ein ziemlich ungesundes Motiv.“

Jaalen übernahm Wylows Wort. „Wylow will damit sagen: Die Motivation ist Nahrungssicherung und Revierkontrolle. Und ja, mehrere „Männer“…“, Jaalen widerholte die Geste, „bilden komplexe Strategien aus, um ihr Umfeld zu überwinden.“

„Divide et impera…“

Wylow und Jaalen starrten Pauline an, als hätten sie ein Kind bei der Entdeckung der Relativitätstheorie erwischt.

„Was…? Teile und Herrsche. Sagten schon die alten Römer.“

„Wie kommst du jetzt darauf?“, fragte Jaalen.

„Ist eine Grundtaktik beim MEK. Was ist daran jetzt so ungewöhnlich?“

„Weil das die Taktik der Sneefs auf unserem Planeten war. Sie bombardierten die großen Rudelverbände, sprengten sie buchstäblich auseinander.“

Jaalen spannte sich, wollte gerade etwas erwidern, doch Wylow hob abwehrend die Hand.

„Was gut für uns und unseren Planeten war. Ohne diese Strategie würde es vermutlich unser Volk nicht mehr geben.“

„Das ist überspitzt. Druusa hatte lediglich weniger Interesse an der Biodiversität ihres Planeten. Ich kritisiere unsere militärische Vorgehensweise. Doch das Ergebnis gab uns Recht. Heute hinterfragt das keine mehr…“

„Männchen und Expeditionspapier, Jaalen. Das hinterfragen wir, oder?“

„Ja Wylow. Und wir wissen wonach das aussieht, oder!?“

„Umbra…“

„Ich habe davon gelesen. Spezialtruppe der Acaugad Armee?“

„Nicht ganz. Eine Organisation mit engen Verbindungen zur Regierung, mit Regierungs-Verträgen, aber ohne direkte Unterstellung. Mit eigenen Forschungsinteressen und sicher Grund für dieses veränderte Männchen.“

„Also eine Art Black-Ops?“

„Jaalen, ich mag die Kleine.“

„Nenn mich nochmal Kleine Schornsteinfegerin, dann leg ich dich übers Knie.“

Wylows Grinsen wurde breit.

„Können wir den Rest des Gesprächs im Hotel führen? Dein Zauber verfliegt schon wieder, Jaalen. Und ich friere meine Titten ab.“

„Oh natürlich, Frau Kommissarin.“ Jaalen konnte nicht anders. Sie grinste süffisant und bog ihre Fühler nach unten.

Pauline war klar, was die Sneef gerade durchleuchtete. Sie bewegte ihren Arm, den sie schützend über ihre Brüste geschlungen hatte, nach oben und deutete auf ihre eigenen Augen. „Meine Augen sind hier oben, Jaalen!“ Sie wand sich wieder auch an Wylow. „Also… Männchen sind in der Gruppe gefährlicher. Warum reden wir darüber?“

„Weil auf diesem Brief das Männchen von einem Zweiten spricht, den er begleitet.“

Paulines Augen weiteten sich. „…Scheiße…“



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