Kapitel 12 – Schnee, Blut und Spiegel
Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel enthält eine bedrohliche Jagd- und Verfolgungssituation, körperliche Grenzverschiebungen zwischen Figuren sowie unterschwellige erotische Spannung in einem angespannten Kontext.
Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.
Die Nacht hatte den Sturm gebracht. Schnee trieb in Fetzen über das Lager, knirschte gegen die Fenster wie Sand.
Wylow hockte auf Paulines Teppich, die Beine im Schneidersitz gekreuzt. Jaalen hockte auf Paulines Bett, eine Wärmflasche auf ihrem Bauch und eine Decke über ihre Schultern geworfen. Pauline hatte ihren Norweger-Pulli lieben gelernt. Dazu die dicken Socken und Hausschuhe. Sie wärmte sich am Tee, Jaalen trank etwas Fruchtiges mit Alkohol, Wylow verzichtete auf die Frucht in ihrem Getränk. Wylow und Jaalens Getränke schwängerten die Luft in Paulines Zimmer mit Alkoholaroma, sodass ihr davon der Kopf schwirrte. Auf eine gute Art.
„Es muss ein Platz sein, der weit weg vom Fjord ist“, begann Jaalens ruhige Stimme.
„Wir müssen auf den Wind achten, wenn wir uns auf die Lauer legen“, fügte Wylow hinzu.
„Wir können die Bewohner mit einbinden. Ich hab einen guten Draht zu diesem… Sören.“
„Einen guten Draht!?“ Jaalen neckte Pauline mit der Art wie sie es sagte.
„Bleiben Sie sachlich, Inquisitorin.“, gab Pauline im gleichen neckischen Tonfall zurück. „Wir dürfen die Bewohner aber nicht in Gefahr bringen.“
Wylow nippte an ihrem Schnaps, räusperte sich und brachte das Gespräch wieder auf eine rein dienstliche Ebene. „Nein. Die Bewohner dürfen sich an der eigentlichen Jagd nicht beteiligen, auch wenn unter ihnen einige fähige Jäger sind. Sie müssen nur die Windgassen entsprechend freihalten. Und Jaalen, du kannst dich draußen nicht auf die Lauer legen. Dein inneres Licht ist meilenweit zu sehen. Besonders nachts. Du wirst dich um Sören kümmern, dass er und seine Bewohner keinen Blödsinn machen.“ Wylows Blick löste sich von Jaalen und wanderte zu Pauline. „Und du glaubst, er wird wegen Papier das Risiko eingehen?“
„Ganz sicher. Der Brief in Berlin war das exakte Material, das er auch hier benutzt hat. Er wird Nachschub brauchen.“
„Hast du Berlin angeschrieben, dass sie dir die Akte zukommen lassen?“
„Lass das mal meine Sorge sein, Wylow.“ Pauline wollte der Drill nicht sagen, dass die Akte in ihrer Wohnung mit Essensresten beschmiert, in ihrem Pistolen-Safe lag. Fred anzuschreiben war keine Option. Er war bei einem Joint-Venture mit der polnischen Polizei in Prag. Also hatte sie Kiki angeschrieben. Hoffentlich kam die Akte bald.
„Ein sprechendes und schreibendes Männchen ist mir unheimlich, Pauline. Die sind mit ihren niederen Instinkten schon wahnsinnig gefährlich. Nicht auszudenken, wenn sie beginnen, strategisch zu handeln.“
„Na dann, ihr Weibchen. Lasst uns einen Drill fangen.“ Die Decke schwebte von Jaalens Schulter, faltete sich in der Luft und legte sich auf Paulines Kommode, nahe der Heizung.
Pauline stand in der Tür, die Kapuze tiefgezogen. Jede Böe biss ihr in die Haut.
„Wir locken ihn“, brummte Wylow. Sie trug unter dem Mantel bereits die Weste, an der Schulter das Funkgerät. „Papier, Tinte, Feuer. Er sucht Gerüche. Also geben wir sie ihm.“
Die Männer aus dem Dorf nickten hastig, froh, eine Aufgabe zu haben. In einer leeren Hütte am Rand des Dorfes, entzündeten sie einen Ofen, legten Papierstapel aus diesem speziellen Kunststoff auf den Tisch, daneben Bleistifte. Pauline beobachtete, wie die Flammen durch die Fugen züngelten. Das Holz knackte wie ein Signalfeuer.
„Wenn er denkt, niemand sieht ihn, kommt er wieder“, sagte Wylow leise. „Wir müssen nur warten.“
Doch das Warten war die Hölle. Der Sturm rüttelte an den Wänden der alten Hütte, der Schnee verwischte jede Spur.
Pauline hockte neben Wylow in einer Senke. Ihren Mantel hatte sie über die Knie gezogen, die Waffe im Anschlag. Minuten wurden zu Stunden. Kälte kroch durch die Stiefel, in die Beine, bis ins Mark.
Sie fröstelte so stark, dass das Visier klapperte. Verdammt. Sie biss die Zähne zusammen. Nicht jammern. Nicht vor der Drill. Nicht vor der Frau, die keine Kälte zu kennen schien. Oder schmerzende Nippel.
„Du zitterst“, bemerkte Wylow neben ihr. Ruhig, sachlich. „Das frisst Energie. Komm her.“
„Ich komme allein klar.“ Pauline presste die Lippen zusammen. Sie wollte keine Hilfe, schon gar nicht von ihr. In Berlin hätte sie für so einen Kontakt eine klare Grenze gezogen.
Eine Böe riss ihr die Kapuze vom Kopf. Eiskristalle stachen ins Gesicht wie Nadeln. Sie löste ihre Hand von der Maschinenpistole, griff zitternd nach der Mütze, zerrte sie ungelenk in ihr Gesicht zurück.
Wylow drehte sich zu ihr. Ihre weißen Augen zugekniffen. Nicht wegen des Sturms. Wegen des Ernstes der Situation. „Ich fasse dich jetzt an, Pauline. Wenn dir das nicht passt, sag Heuwägelchen.“
„Heuwägel…?“
Weiter kam sie nicht. Wylows Arm war bereits unter ihren Mantel geschlüpft. Ein Griff, fest, ohne langes Fackeln. Eiskristalle wirbelten von Paulines Kapuze, als würden sie vor der plötzlichen Hitze fliehen, die von der Drill ausging.
Pauline versteifte sich. Ihr Verstand suchte verzweifelt nach dem Wort, nach einer Barriere, doch die Wärme flutete bereits ihre Sinne. Keine Alien-Hitze – es war die Wärme einer Frau, und sie brannte sich durch Paulines mühsam errichtete Mauern.
Heuwägelchen. Sag es einfach, schrie ihr innerer Mistgabel-Mob im Keller ihres Verstandes. Doch ihre Lippen blieben versiegelt. Es war zu kalt, und das „Heuwägelchen“ fühlte sich in diesem Moment verdammt weit weg an.
„Es geht um dein Überleben. Nicht um Sympathie“, murmelte die Drill. Sie roch nach diesem bitteren Schnaps und Zitrus.
Die Wärme kroch durch ihre Stoffschichten und verdrängte Grönland. Erst war es ein Schock, dann ein heimlicher Genuss. Paulines Muskeln lockerten sich gegen ihren Willen. Aber das war eine logische Reaktion. Es war kalt, ihr Verstand war gierig auf Wärme. Auf einen Heizkörper. Nicht mehr. War ja nicht so, dass sie von einem Mann umarmt wurde.
Und doch – ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, als hätte es eine Wahrheit begriffen, für die ihr Verstand noch keinen Namen hatte.
Plötzlich hob Wylow den Kopf. „Still!“ Sie schnupperte. Da war sie wieder, die Hundenase.
Ein Schatten huschte über die weiße Fläche. Kein Hund, kein Bär. Eine Gestalt, gebückt, schwer, nahe der Hütte.
Pauline spannte die Finger um den Abzug. Doch Wylow legte die Hand auf ihr Handgelenk. „Noch nicht.“
Im Schein des Ofens zeichnete sich ein Umriss ab. Breit, massig, und doch zögerlich. Er schnupperte, streckte die Arme nach dem Papier.
Der Briefschreiber.
Pauline hielt den Atem an. Ein Schritt, und sie könnte ihn haben. Ein Schuss, und er wäre erledigt.
Dann heulte der Wind auf, als würde der Himmel selbst aufreißen. Eine Böe peitschte Schnee und Eis wie Schrotkugeln über den Platz. Das Feuer im Ofen flackerte, erlosch fast. Die Hütte knackte im Sturm, Türen schlugen gegen die Wände.
Als der Schneeschleier sich lichtete, war der Umriss verschwunden. Nur noch weiße Flocken, die jede Spur verschlangen.
„Verdammt!“ Pauline sprang auf, rannte in die Dunkelheit – doch da war nichts mehr. Kein Schatten, keine Spur, nur der Sturm.
Wylow packte sie am Arm. „Zu spät. Er ist weg.“
Pauline starrte in die tobende Nacht. Das Herz pochte ihr bis in die Schläfen. Eben noch so nah – und wieder verloren.
Der Köder hatte funktioniert. Aber der Sturm hatte ihn verschluckt.
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