Kapitel 8 – Abflug ins Weiß
Hinweis zum Inhalt:
Dieses Kapitel thematisiert emotionale Grenzverletzungen, kontrollierendes Verhalten in Beziehungen sowie subtile sexuelle Spannungen im beruflichen Kontext.
Bitte lies achtsam weiter und achte gut auf dich.
Die Zeit drängte. Berlin war einfach nicht gemacht für knappe Abflugzeiten. Pauline warf die Taschen in den Kofferraum, knallte die Klappe zu, schlüpfte in das Taxi und sank auf die Rückbank. Sie blickte lange auf ihr Handy, unsicher ob sie wirklich bereit für Fred war. Als ihr Viertel schon lange im Rückspiegel verschwunden war, drückte sie auf Senden. Nur wenige Augenblicke später kam die Antwort: „Wir hätten nochmal reden sollen. Sei vorsichtig. Die Außerirdischen sind gefährlich. Egal ob Mann oder Frau. Halt dich fern von der Drill. Nimm getrennte Betten und lös den Fall. Hdl.“
Was denkt der von mir? Frustriert warf sie das Handy auf den Nachbarsitz. Grönland, Drill-Männchen, Drill Weibchen… Plötzlich fiel es Pauline wieder ein. Maiers Akte! Sie hatte sie liegen gelassen. Im Schlafzimmer! Pauline blickte sich um. Es war zu spät. Umkehren machte keinen Sinn mehr. Vielleicht konnte sie Kiki dazu überreden, nach der Akte zu sehen. Doch irgendwas stimmte damit nicht.
Sie schüttelte den Kopf, zwang sich, die Gedanken zu verdrängen. Sie musste fokussiert bleiben. Flughafen, richtiges Gate und Drill, ersten Eindruck setzen. Heute begann ein neuer Einsatz und der war ohne Netz und doppelten Boden.
Am Flughafen Tegel herrschte der übliche Wahnsinn. Anzeigetafeln klackerten, Lautsprecher schrien unverständliche Durchsagen, eine Flut aus Menschen drängte durch die Sicherheitsschleusen.
Pauline trug ihre Einsatzjacke wie ein Schild. Man machte ihr Platz.
Am Gate wartete jemand.
Eine Frau. Groß. Breite Schultern. Lackschwarze Haut. Das milchige Schutzlid über die Augen gelegt, machte die Augen irritierend weiß. Pechschwarze Haare zu zwei Bauernzöpfen geflochten, im Nacken zu einem Dutt gesteckt. Schwarze Uniform der Polizei AeE, silbern gerändert.
Sie überragte die beiden Männer vom Zoll um einen ganzen Kopf. Mit einer Armbewegung schob sie sie beiseite, als wären es Papierblumen und keine trainierten Autoritätspersonen. Sie schritt lächelnd Pauline entgegen. Ignorierte die Proteste der Beamten völlig. Wie ein Panzer auf Absätzen.
Ihre Augen, kaum auszumachen hinter der weißen Haut, schienen Paulines Figur von oben bis unten abzuchecken.
„Pauline Faust?“ Die Stimme war tief, rau, aber nicht unfreundlich. Es knallte in Paulines Erinnerung. Die Drills, die orangene Tube. Sie, die mit ihren Kameradinnen lachte. Freds geschundener Körper.
„Ja.“ Pauline streckte das Kinn vor, mehr Abwehr als Gruß. „Und Sie sind?“
„Wylow Naphas. Acaugad-Ermittlung-Einsatzteam.“ Sie grinste, als würde das schon reichen. „Wir fliegen zusammen.“
Pauline presste die Lippen zusammen. Ausgerechnet die Kollegin, die sie nicht haben wollte. Die Kollegin, die sie nun ertragen musste. Die Kollegin, die von den Schmerzen ihres Mannes wusste und von ihren Problemen mit ihm im Schlafzimmer wusste. Pauline vermutete die Nase. Man erzählte sich ja die verrücktesten Wunder von Drillnasen.
„Frau Naphas, eins muss klar sein, ich führe die Ermittlung.“ Pauline sagte es bestimmt. Nicht für Naphas, sondern für sich selbst.
Naphas streckte die Hand entgegen. Fingerklauen, die in allen Farben des Regenbogens lackiert waren, halb eingefahren, an einer makellosen Hand. Ein bunter Kontrast zu ihrer schwarzen Uniform.
Pauline starrte den Lack an, als wäre er giftig. “Die Regenbogenflagge? Ernsthaft?”
Naphas folgte ihrem Blick. Dann verwirrt zu Pauline. “Was ist daran falsch? Ich mag die Farben und die Portale haben diese Farben.”
Pauline stutzte. Natürlich! Drills hatten ja keine queere Bewegung.
Widerwillig schüttelte sie die angebotene Hand. Naphas Hand war warm, trocken, kräftig. Auf eine gute Art.
“Okay. Sie machen keine Stunts, keine Alleingänge. Ich will bei allem dabei sein, was sie tun.”
“Ist mir Recht. Ich mag Frauen, die wissen was sie wollen. Ich tu alles was sie befehlen.”
Der Satz schlug ein. Flirtete die Drill? Sie schnaufte. “Hören sie Frau Naphas. Ich bin nicht so eine. Wir lösen den Fall. Mehr benötige ich nicht.”
“Dann hat der Buchsaibling gewirkt?”
“Er… ich… Woher wollen sie wissen, ob ich ihn überhaupt benutzt habe?”
Naphas grinste süffisant und tippte sich an die Nase. Pauline erkannte die raue Unterseite ihrer Nase. Eine Hundenase ähnlich.
Ihr Kopf brannte. Wurde sie gerade rot? “Meine privaten ‘Düfte’ gehen sie auch nichts an, verstanden?”
Pauline akzeptierte Naphas Nicken. Sie wandte sich ab, suchte nach einem Sitzplatz im Gatebereich. Naphas folgte ihr wie ein Schatten. „Ich habe gehört, Sie sind eine harte Nuss. Ich mag harte Nüsse.“
Pauline schnaubte. „Ich bin nicht hier, um gemocht zu werden.“ Sie wählte einen Platz in einer Ecke
„Noch besser.“ Naphas ließ sich neben sie fallen, breitbeinig, gelassen. „Dann können wir uns ganz aufs Arbeiten konzentrieren.“
Pauline verdrehte die Augen. Diese Selbstsicherheit, dieses Grinsen – als ob die Frau sie schon längst durchschaut hätte.
Ihr Handy vibrierte. Kiki rief an. Per Videocall. Was will die denn jetzt? Pauline seufzte, drehte sich so, dass die Drill nicht von ihrer Kamera aufgenommen wurde und nahm das Gespräch an.
„Hey Kommissarin Faust. Ich habe dich verpasst. Du warst so schnell durch den Zoll.“
„Hey Kommissarin Prinz. Wusste gar nicht, dass Du an den Flughafen kommen wolltest.“
„Aber das habe ich doch mit deiner Mutter ausgemacht. Hat sie dir nichts gesagt?“
Pauline erinnerte sich an einen Anruf auf dem Weg nach Hause um ihren Koffer zu packen.
„Siehst Du? Habe ich dir doch gesagt. Sie hat es vergessen“, tönte die Stimme ihrer Mutter neben Kikis Kamera hervor.
„Kiki! Ist meine Mutter bei dir?“
„Natürlich. Und schau mal wer noch.“ Die Kamera schwenkte. Erst zu Paulines Mutter, dann zum anderen Ende ihrer Leine. Samy saß artig im Abflugbereich des Flughafens und legte eine Pfote auf Kikis Arm.
„Du bist nervig süß, Kiki. Weißt Du das?“ Innerlich schlug der Satz auf und Pauline gefror. Habe ich meine lesbische Kollegin gerade süß genannt?
„Klar. Na dann wünsch ich Dir nen guten Flug. Pass auf dich auf.“
Puh. Sie hat es wohl nicht bemerkt. „Du auf dich auch, Kiki. Und schmeiß sich nicht so an unseren Hund ran. Hörst du?“ Da war die Verbindung schon wieder unterbrochen.
„Na, wen vermissen Sie?“ Naphas Stimme schnitt in die Wärme.
Pauline schob das Handy weg. „Niemanden.“
„Ach.“ Naphas grinste, als hätte sie mehr gesehen, als Pauline zeigen wollte. „Das kenne ich.“
Pauline verschränkte die Arme. Verdammt. Schon jetzt hatte sie das Gefühl, die Drill würde ihr mehr unterstellen, als sie je zugeben wollte.
Doch dann wurde das Gate aufgerufen. Pauline stand auf, zog die Jacke stramm und ging voran, ohne zurückzusehen. Aber sie wusste: Naphas folgte ihr. Und das würde sich in den nächsten Wochen nicht ändern.
Der Flieger war klein, enger als Pauline gehofft hatte. Keine Linienmaschine, sondern eine Maschine der Küstenwache, umgebaut für Passagiere. Die Sitze standen dicht an dicht, schmale Gänge, überall Netze mit Ausrüstung. Kein Platz für Privatsphäre.
Natürlich landete Naphas auf dem Sitz neben ihr.
Pauline zog die Jacke enger, legte die Arme verschränkt auf die Brust und starrte aus dem winzigen Fenster. Unter ihnen glitt die Nordsee vorbei, grau und endlos.
„Schön hier,“ meinte Naphas, als hätte sie den Ozean erfunden.
„Ein Haufen Wasser.“ Pauline verzog keine Miene.
„Manchmal ist ein Haufen Wasser genau das, was man braucht.“ Naphas grinste, lehnte sich zurück und streckte die Beine aus, bis ihre Stiefel fast Paulines Tasche berührten. „Aber Sie schauen lieber auf Ihr Handy, stimmt’s?“
Pauline spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie hatte Kikis Video längst wieder gelöscht, aber die Erinnerung blieb. „Was geht Sie das an?“
„Nichts.“ Naphas hob die Hände, als wollte sie Frieden anbieten. „Ich hab nur gesehen, wie Sie eben gestrahlt haben. So schaut man nicht wegen Arbeit.“
Pauline presste die Lippen zusammen. „Das war Samy. Ein Hund.“
„Ein Hund?“ Naphas lachte leise. „Ein Hund bringt Sie zum Strahlen? Respekt. Ich hätte auf was anderes getippt. Jemand anderes.“
Pauline wandte sich zu ihr, die Augen schmal. „Sie fantasieren sich was zurecht.“
„Vielleicht.“ Naphas sah sie offen an, die Augen unter dem weißen Schutzlid wirkten fast spöttisch. „Aber wenn’s die blonde Kollegin war – Prinz, oder? – dann verstehe ich Sie sogar.“
Paulines Herz stolperte. „Geht’s noch?!“
„Beruhigen Sie sich.“ Naphas grinste, als hätte sie nur ein Kartenspiel gewonnen. „War nur eine Beobachtung. Ich habe Augen. Und manchmal sehe ich Dinge, die andere nicht sehen wollen. Und ihr Handydisplay ist wirklich hell.“ Naphas deutete zum Fenster. Zur Spiegelung von Paulines Display.
Pauline drehte sich ganz zum Fenster, knurrte etwas Unverständliches. Ihr Puls hämmerte. Die Dreistigkeit dieser Drill! Aber schlimmer noch: dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Nach irgendwas hatte ihr Herz gerade gegriffen. Sicher nicht nach Kiki. Aber wonach?
„Wussten sie, dass wir auch Hunde haben? Barger. Brutale kleine Mistviecher. Schwarz, sehen aus wie eure Huskies, aber Herzallerliebst. Nicht zu empfehlen für Menschenhand.“
„Ach? Warum? Weil wir schwach sind?“ giftete Pauline. Sie funkelte wütend die Drill an. Naphas lächelte und hielt Paulines Blick stand. Sie sah unter dem milchig weißen Lid die eigentlichen Augen. Riesige schwarze Pupillen mit ein paar goldenen Sprenkeln.
„Nein. Weil eine abgebissene Menschenhand nicht nachwächst.“
Die Maschine ruckelte, ein Luftloch. Pauline packte unwillkürlich die Lehne. Naphas legte ruhig die Hand auf ihr Handgelenk. „Alles gut. Nur Turbulenzen.“
Pauline schlug die Hand weg. „Fassen Sie mich nicht an.“
„Wie Sie wollen.“ Naphas zog die Hand zurück, noch immer grinsend. „Aber eins sag ich Ihnen, Pauline Faust: In Grönland wird’s kalt. Kälter als hier. Da ist es gut, wenn man sich anwärmen kann.“
Pauline starrte weiter in die graue Wolkendecke. „Ich brauche niemanden, um warm zu bleiben.“
Naphas lachte leise, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
Pauline presste die Stirn ans kalte Fenster. Von mir aus kann Grönland minus fünfzig Grad haben, dachte sie. Lieber erfriere ich, als dass ich mich von einer Drill wärmen lasse.
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