Kontaktzone – Kapitel 7

Kapitel 7 – Kältebriefing


Dieses Kapitel enthält Darstellungen von sexistischen und diskriminierenden Äußerungen, Machtmissbrauch im beruflichen Umfeld, konflikthafter Sexualität sowie emotional belastenden Beziehungssituationen.

Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Themen wohlfühlst und gut auf dich achten kannst.


Fallbesprechungen waren für Pauline wie Flohmarktverkäufe. Schund anbieten und hoffen, ein anderer nimmt es. Und gute Mine zum bösen Spiel machen.

Zwanzig Kollegen, Nikotin-Kaugummis kauend, schwitzend, schnatternd. Und jeder hielt sich für Sherlock Holmes. Dazwischen sie und die Granate. Belächelt, angegafft, aber nicht für voll genommen.

Die Glaswände spiegelten das Neonlicht, als hätten Architekten den Raum so entworfen, dass jeder sich permanent selbst beim Scheitern zusah. Sie setzte sich in die zweite Reihe, Notepad auf dem Tisch, Kaffeebecher in der Hand, und wartete, bis die Sitzung begann.

„Hey, Pauline!“ Maier meldete sich vom Tisch gegenüber.

Sie hob nur die Braue.

„Hast du da Kaffee? Ich könnte auch einen Schluck gebrauchen? Wie wär’s? Gibst du was ab?“

Pauline setzte ihren Becher an und trank Schluck für Schluck ihres heißen Kaffees, bis auch der letzte Tropfen ihre Kehle herunter rann. Sie drehte den Becher auf den Kopf. „Sorry Maier. Leider schon leer.“

Einige Kollegen lachten, sogar Maier grinste. „Guter Zug Mädchen. Kannst ordentlich schlucken.“ Jetzt lachte der ganze Raum, selbst Pauline musste grinsen. Sexistische Witze. Wieder einmal.  Ich kann den Scheiß schlucken, dachte sie. Den Kaffee. Dass in diesem Raum mehr Schwänze dachten als Gehirne. Die Erniedrigung von gestern.

Doch Kiki lachte nicht. Sie war die Kommissarin mit Rückgrat. Es nervte Pauline. Dieser Felsen, den niemand umschmeicheln konnte. Vielleicht, weil sie sich nie angewöhnt hatte, mitzuschlucken. Doch war das schlecht? Waren Maiers Blase-Witze so lustig?

Die Stimmung legte sich wieder zu einem dumpfen Brummen, das die Tische durchzog, Gespräche über Einsätze, Überstunden, Familien.

Pauline hörte nur mit halbem Ohr zu. Ihr Kopf hing noch beim Streit von gestern. Kein Wort hatten sie mehr darüber gesprochen. Dafür aber Sex gehabt. Wenn man das so nennen konnte. Es war grob, es war hektisch, es war unbefriedigend. Für beide.

„Er hätte mich auch fragen können…“

Verwirrt drehte sich Pauline um. Kiki nippte an ihrer Tasse. Sie folgte ihrem Blick zu Maier und begriff.

„Maier hat Angst, mit Schwulismus angesteckt zu werden.“

Kiki grinste in ihren Becher. „Vielleicht streichle ich ihm mal über den Kopf?“

Jetzt lächelte auch Pauline. „Bei dem vielen Gel in seinen Haaren solltest du dir danach aber die Hände waschen. Es ist doch Gel, oder?“ Der Witz vertrieb ihre dunklen Gedanken nicht. Aber er schob sie für einen Moment beiseite.

Kiki grinste in ihren Becher. „Böses Mädchen.“

Die Glastür öffnete sich. Hauptkommissar Schrader, breit, kantig, das Gesicht so verkniffen wie seine Krawatte, betrat den Raum. Er schlug die Mappe auf, als wolle er gleich alle Akten an die Wand nageln.

„Meine Damen, meine Herren. Wir haben einen besonderen Fall. Polarstation in Grönland. Forschungsstation Sermilik. Aufgrund der Auslastung des BKA…“, und leiser fügte er hinzu: „… und weil sie den Fall nicht wichtig genug erachten, haben wir diesen Fall nun an der Backe. Gestern Nacht wurde ein menschlicher Arm gefunden. Der Rest der Leiche fehlt.“

Ein Murmeln ging durch den Raum. Pauline hob eine Augenbraue.

„Die Spurenlage deutet auf einen Drill hin.“ Schrader blätterte eine Seite um. „Oder präziser: auf ein Drill-Männchen. Und nein – es ist kein Hundebiss.“ Schrader hängte ein Foto an den Flipchart. Deutlich war die saubere Bissspur zu erkennen. Zu groß für einen Hund. „Der Arm gehört zu Doktor Hans Weimersheimer. Deutscher Geologe. Da Drills im weitesten nach Gesetz keine Tiere sind, verlangt die Staatsanwaltschaft die Bearbeitung als Mordfall.“

„Kann das kein Eisbär gewesen sein? Die leben doch am Nordpol, oder nicht!?“ warf Maier ein.

„Ich musste mir das auch erst erklären lassen, Maier. Eisbären haben keine Reißzähne.“ Schrader hängte ein weiteres Blatt mit zwei Fotos darauf. Foto eins zeigte ein Eisbärengebiss. Darauf war die Lücke zwischen den Eckzähnen und den Backenzähnen zu erkennen. Auf dem zweiten sah man das Gebiss eines Drill-Männchens. Eine Reihe Reißzähne schlossen dort diese Lücke.

Pauline fröstelte, obwohl die Klimaanlage diesmal nicht daran schuld war. Ein Männchen. Von denen erzählten die Unterlagen nur Schreckliches.

„Faust!“ Schrader sah sie an. „Sie übernehmen die Leitung. Grönland. Genauer gesagt Tasiilag. Zwei Wochen, mindestens. Internationale Zusammenarbeit.“

Pauline blinzelte. „Allein?“

„Nein, aber kein Kollege.“ Schrader schlug die Mappe zu. „Sie bekommen Verstärkung von außerhalb der Dienststelle. Spezialistin. Direkt vom Portalhafen Tempelhof. Eine Drill-Soldatin.“

Pauline schnaubte. „Mit Verlaub, Chef – mit denen arbeite ich nicht zusammen.“

„Schicken Sie doch Prinz.“, meldete sich der alte Pedrowski hinter ihr zu Wort. „Die kommt doch angeblich mit den Drills so gut zurecht, wenn sie wissen, was ich meine, Chef.“ Ein paar Kollegen lachten leise.

Schrader sah nicht amüsiert aus. „Ruhe Pedrowski, sonst schick ich sie!“ Das funkeln seiner grauen Augen, ließ den Saal verstummen. Sein Blick wanderte durch den Raum, bis er wieder Pauline fixierte. „Genau deshalb arbeiten Sie mit ihr, Faust. Sie sind kein Fan der Außerirdischen. Ich kann davon ausgehen, dass zwei Wochen Tuchfühlung mit denen, sie nicht weich werden lassen. Und weil sie wegen ihrer unerledigten Altfälle, keinen aktiven Fall haben… Unterlagen, Ausrüstung, Flugdetails liegen draußen.“

Noch bevor Pauline etwas erwidern konnte, meldete sich die tiefe Stimme von Maier, dem ewigen Macho aus der Nachbarabteilung. „Na dann. Eine Lesbe an Paulines Seite ist sie ja gewohnt. Passt doch. Ich bezweifle nur, dass die Lackschwarze so gut mit dem Arsch wackeln kann, wie Frau Prinz.“

Gelächter, heiser, billig. Pauline spürte, wie ihr Herz raste. Ihr war nicht nur übel wegen der herablassenden Blicke auf Kiki, sondern auch wegen der offenen Blamage, die sie gestern erlebt hatte, und der Tatsache, dass Fred wieder null Bock auf sie hatte. Und hier erniedrigten ihre Kollegen Kiki zu einem wackelnden Arsch. Es fühlte sich so falsch an. Diese Herablassungen über Kiki. Normalerweise hätte sie geschwiegen, vielleicht selbst einen giftigen Spruch nachgelegt. Doch warum? Damit die Beziehung besser hielt? Hielt sie nicht. Damit ihre Kollegen sie mehr mochten? Sie mochten sie nicht. Für ein besseres Sexleben? Drei Tage hatte sie bekommen. Durch eine magische Salbe. Das war alles. Und jetzt wurde sie auch noch in die sprichwörtliche Wüste geschickt. Sie sollte es als gute Frau schlucken. Wie den Kaffee. Doch diesmal knallte ihre Stimme durch den Raum wie eine Kugel:

„Halt die Klappe, Maier. Wenigstens macht Kiki ihren Job, während du hier Sprüche klopfst. Und die Drills, über die du lachst? Frag meinen Mann, den MEK-Kommissar, wie es ist, wenn sie dich zu Brei schlagen. Mein Mann lag drei Tage auf der Matte, weil er meinte, den großen Helden spielen zu müssen. Das alles nur wegen einer harmlosen Kneipenschlägerei!“

Das Gelächter erstarb. Stille. Alle starrten sie an. Pauline selbst war überrascht von der Härte in ihrer Stimme.

Schrader klappte die Hände zusammen. „Gut. Thema erledigt. Abflug heute Abend, sechszehnhundert. Packen Sie warm ein, Faust. Grönland verzeiht keine Fehler.“

Pauline nickte steif, packte ihr Pad ein und verließ den Raum, bevor jemand noch etwas sagen konnte. Ihr Herz schlug bis in die Schläfen. Warum hatte sie die Drill verteidigt? Sie hasste sie doch. Sie alle.

Draußen im Flur wartete bereits die neue Fallakte Mord Grönland, Flugtickets und ihre Einsatztasche, sie fluchte leise. „Verdammt.“ Der saubere Aktendeckel erinnerte sie an die andere Akte zu Hause. Na hoffentlich wurde die jetzt nicht in den nächsten zwei Wochen vermisst.

Ihr Handy summte. Fred hatte ihr ein Video geschickt.

Darin stand er im Kraftraum der Bundespolizei, Oberkörper frei, die Kamera lässig aufgestellt. Er grinste wie ein Junge, der seinen ersten Wettkampf gewinnt – und hob eine Hantelstange, die doppelt so viel wog, wie er früher je geschafft hatte. Die Adern an seinen Armen traten hervor, der Schweiß glänzte auf seiner Brust. „Siehst du, Line? Läuft wieder!“ keuchte er lachend in die Kamera, bevor er die Stange auf den Boden krachen ließ.

Pauline hielt den Atem an. Buchsaibling Druusa hatte ihn nicht nur geheilt. Es pumpte ihn auf. Gab ihm fremde Kraft, eine neue, ungekannte Jugend. Er verlor Stück für Stück den Halt an ihr. Und er war mit keinem Gedanken bei ihr.

Ihr Magen zog sich zusammen. VERDAMMT.


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