Kapitel 6 – Frühstück mit Schatten
Dieses Kapitel enthält Darstellungen von eskalierendem Beziehungskonflikt, aggressivem Verhalten im häuslichen Umfeld, diskriminierender Sprache (homophobe und abwertende Begriffe, kontextualisiert), Drogen- bzw. Substanzmissbrauch, Waffenerwähnung sowie thematisiert Tod und mögliche Vertuschung.
Achte gut auf dich und lies nur weiter, wenn du mit diesen Inhalten umgehen kannst.
Die Berliner Sonne gab sich redlich Mühe, den kalten Morgennebel draußen zu vertreiben. Wie ein Tuch bedeckte der Nebel die Straße vor ihrem Haus und ließ den Ahorn vor ihrem Fenster dunkel und mächtig erscheinen. Sie wandte sich an den Küchentisch. Fred saß vornübergebeugt, aß geistesabwesend sein Müsli, während er durch Nahkampf-Tweets scrollte. Ständig wechselnde Melodien, Wortfetzen und Kampflaute hallten durch die Küche, und Pauline schwirrte der Kopf. Sie biss in ihr Erdbeerbrötchen und schlug die Akte auf. Wenn Fred in diesem Modus war, blieb ihr kaum etwas anderes übrig.
– Wasserleiche einer Außerirdischen in der Spree –
Die Akte war gar nicht von ihr. Deswegen konnte sie sich am Freitag auch partout nicht an den Fall erinnern. Maier Westenburger war der ermittelnde Beamte. Und er hatte Fehler gemacht. Schwere Fehler. Laut Obduktion war die Frau nicht ertrunken. Trotzdem hatte Maier das so vermerkt. Was hatte der Brief für eine Bedeutung? War er belanglos? Wie ist die Frau wirklich gestorben? Wie kam sie in die Spree? Das war alles sehr merkwürdig. Warum hatte er das gemacht? War es seine latente Faulheit? Frau ohne Angehörige, kann auf den Müll, oder war da mehr dahinter?
„Die Schwulenflagge gehört verbrannt!“ tönte es aus Freds Handy. Er grinste.
Pauline schlug die Akte zu. „Schatz… musst du dir das hier geben? Wir haben Sonntag.“
„Na und? Du arbeitest am Tisch.“ Fred scrollte weiter. Sein Grinsen war verschwunden. Wie unfair, dachte Pauline. Aber sie wollte sich nicht streiten. Nicht an so einem herrlichen Sonntag.
Pauline aß den Rest ihres Brötchens und betrachtete ihren Mann. Immer wenn er lachte oder sich bewegte, sah sie seinen Körper, die Muskeln, die blauen Augen, das markante Gesicht. Die Erinnerung an letzte Nacht stimmte sie versöhnlicher. Vielleicht war ein kleiner Vollkontakt-Sport ohne Klamotten genau das Richtige für sie beide.
„Hab ich dir eigentlich von Freitag erzählt?“
Fred blickte auf. „Nein!? Was war?“
„Na, wir hatten doch vor der Arbeit diesen tollen Quickie. Du erinnerst dich?“
Freds Mine verdunkelte sich.
Was war los? War er genervt? Es war doch toll! Der Sex klappte endlich wieder.
„Dabei riss mein Hosenknopf ab.“
„Muss ich mich jetzt wegen dem Knopf entschuldigen?“
„Nein“, beschwichtigte Pauline, „aber ich hab es nicht gemerkt und unfreiwillig hab ich meiner Kollegin mein Höschen gezeigt.“
„Der Quoten-Lesbe?“
„Ja, der Lesbe.“
„Hat dich dieses Weib angebaggert?“
„Nein. Das würde Kiki nie tun. Bin gar nicht ihr Typ.“
„Was stört sie? Dass du hetero bist?“
„Ja vielleicht. Zum Glück hat sie mich drauf hingewiesen, dass meine rote Spitze für alle zu sehen war. Nicht auszudenken, wenn Maier oder Pedrowski das mitbekommen hätten.“
„Maier und Pedrowski sind gute Cops.“
„Naja. Wie man es nimmt.“
Pauline blickte flüchtig auf die Akte.
„Aber egal. Was hältst du davon, du würdest mir noch einen Knopf abreißen? Hab auch wieder was Rotes drunter. Wie wär’s? Mein schöner, starker Einsatzpolizist?“
Pauline beugte sich vor und nutzte den tiefen Ausschnitt ihres T-Shirts, ließ die Magie ihres Dekolletés sprechen. Fred schnaubte und lehnte sich zurück. Nicht ganz die Magie, die sich Pauline erhofft hatte. Wo war das Tier von gestern Abend hin?
„Schatz…“
Wenn seine Sätze so anfingen, konnte das nur schlecht ausgehen. Sie ließ sich zurücksinken.
„…ich habe gerade so viele Fortschritte gemacht. Der Kommandant ist ganz begeistert. Ich kann das jetzt nicht schleifen lassen.“
Hatte gar nichts mit ihren Reizen zu tun. Den Kern erkannte sie sofort. „Und deswegen nimmst du wieder Andros?“
Fred schwieg. Sie funkelte ihn an, atmete schwer.
„Die machen dich kaputt, Frederick! Siehst du das denn nicht?“
„Ich brauche sie. Du hast ja keine Ahnung.“ Seine Stimme wurde ruhiger.
„Du brauchst sie NICHT! Sieh mich an. Ich bin auch Einsatzpolizistin ohne den Scheiß!“ Pauline wurde lauter.
„Pfft. Deinen Parcour-Lauf nennst du Einsatz-klar?“
„Das ist die Anforderung an den Status Einsatz-klar. Und den bestehe ich jedes Mal mit Bestnoten!“
„DAS IST NICHT DASSELBE!“ Fred sprang auf, so heftig, dass der Stuhl nach hinten flog. „Dein Wischi-Waschi-Training ist NICHTS gegen unsere Leistung! Wir KÄMPFEN gegen echte Killer da draußen!“
„ICH AUCH!“ Auch Pauline sprang auf. „Ich muss jederzeit bereit sein, Kerle niederzukämpfen, die drei Köpfe größer sind als ich selbst! Und ich habe KEINE Super-Duper-Schutzausrüstung und Spezialwaffen dabei!“
„Du hast keine Ahnung, wie echte Verbrecher da draußen ausgerüstet sind, wenn wir gerufen werden. Du überraschst sie im Hinterhalt. Wir müssen topfit sein, stärker als jeder Gegner, dem wir begegnen!“
„Aber das kannst du, das bist du. Aber nicht mit dem Dreck, den du nimmst. Und der Alien-Kram hat alles nur schlimmer gemacht!“
„Der Alien-Kram funktioniert! Und er hat mich besser gemacht, als ich jemals war. Und DU! Hast ihn mir weggenommen!“
Fred schnappte die Müslischüssel und warf sie gegen die Wand. Tausend Scherben flogen durch die Küche. Milch, Haferflocken und Früchte ergossen sich über Boden und Wand.
Fred drehte sich um, stapfte zur Tür, nahm seine Einsatztasche und ging.
„Ja schön, Fred! Fünf Minuten brüllen und dann abhauen!“ brüllte Pauline der geschlossenen Tür hinterher. Sie schleuderte ihren eigenen Frühstücksteller gegen dieselbe Wand. Weitere Splitter und Marmeladenreste ergossen sich über den Boden.
Ihr Blick fiel auf die Akte. Na toll. Auf dem Aktendeckel waren Milch- und Marmeladenflecken. So konnte sie die Akte auf keinen Fall wieder ins Büro bringen. Sie musste den Deckel austauschen. Dafür hatte sie jetzt keinen Nerv. Wutentbrannt ging sie in ihr Schlafzimmer, schmiss die Akte in den Pistolen-Safe, zog die Jogging-Ausrüstung an, steckte die Pistole in ihre Jogging-Tasche und knallte den Safe zu. Sie steckte sich die AirPods in die Ohren, drehte die Musik auf Maximum und joggte in Richtung Tempelhof. Hoffentlich kam heute eine der Drills quer.
Eine Drill zu erschießen, ist vielleicht nicht der beste Weg, sich Luft zu machen. Pauline joggt mit lauter Musik in den Ohren, die jeden Gedanken niederschreien. Schauen wir nächsten Sonntag ob sie sich beruhigt hat.
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