Kontaktzone – Kapitel 3

Kapitel 3 – Am Rand des Regenbogens

Pauline trat hinaus in die Nacht. Das Gartentürchen fiel quietschend ins Schloss und sperrte die Dämonen ihres Schlafzimmers ein. Weg von Fred. Weg von seiner Besessenheit nach Kampf und Sieg. Weg von den Bildern der letzten Wochen – und dem erfolglosen Sex, oder was Fred dafür hielt.

Sie blickte die Straße hinunter. Berlin war um diese Zeit unglaublich friedlich. Frei. Unbeschwert. Sie warf einen letzten Blick zur Haustür, schüttelte sich und ging die ersten Schritte in die Dunkelheit. Im Osten kündigte sich bereits ein blauer Schimmer an, der nichts mit der Lichtverschmutzung der Stadt zu tun hatte. Bald würde der Tag anbrechen.

Die Luft schmeckte klarer als sonst, kühler, fast weich – dieser flüchtige Moment, wenn die Stadt zwischen den Welten hing, noch nicht ganz erwacht, aber auch nicht mehr schlafend. Ihre Schuhe knirschten auf dem Asphalt. Noch waren ihre Schritte zäh, der Körper wehrte sich. Die Muskeln waren kalt, der Kopf voll. Doch mit jedem Meter ließ das Ziehen in den Sehnen nach. Im Laufen griff sie ihren rechten Ellenbogen, zog ihn nach links, dehnte die Schulter. Kippte den Kopf, bis es im Nacken leise knackte. Dasselbe mit der anderen Seite. Allmählich wurden ihre Bewegungen geschmeidiger. Fred war nicht der Einzige, für den ein gesunder Körper eine Waffe war.

Die Amseln begannen zu singen. In der Ferne ratterte ein Lieferwagen, ein Zeitungsmann warf Bündel vor die Türen einer Bäckerei. Pauline atmete tiefer. Ihr Puls beschleunigte sich, das Blut rauschte in den Ohren. Schon nach wenigen Minuten gehörte der Asphalt ihr.

Sie bog in den Volkspark ein. Die Bäume warfen sich wie schwarze Scherenschnitte gegen den dämmernden Himmel. Die ersten Joggerinnen grüßten, doch Paulines Gedanken hingen fest. Bei Frederick. Sein Gesicht im Kissen. Die blauen Flecken. Die erbärmliche Ausrede: „Nur eine Kneipenschlägerei.“ Wie oft noch? Wie lange noch? Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie die Bilder physisch abschütteln, und zog das Tempo an. Der Sport-BH spannte, der Atem ging rhythmisch, die Smartwatch am Handgelenk vibrierte bei 140 Schlägen. Das fühlte sich besser an. Sauber.

Dann kam der Moment, den sie hasste. Sie bog aus dem Park, und vor ihr wuchs das Ding in den Himmel: das Portal am Flughafen Tempelhof.

Ein Ring, fünfzig Meter hoch, bunt schimmernd, mit einem eigenen inneren Leuchten. Von weitem wirkte es wie ein Regenbogen – zu perfekt, zu scharf, zu unirdisch. Sein Inneres war ein Fenster in eine andere Welt. Heute zeigte es einen Platz voller Sandsteinfassaden und bronzener Balkone, die im Morgenlicht funkelten. Häuser wie aus einem Märchen, Dächer gedeckt wie im Schwarzwald, alles makellos. Neu. Ohne Risse. Wie ein gigantischer, kreisrunder Fernseher stand dieser Ring im Freien und zwang den Anwohnern die Bilder dieser heilen Welt auf. Ein Schlag ins Gesicht für jede Berliner Mieterin, die in ihrer feuchten Altbauwohnung auf Schimmel starrte.

Pauline hasste es. Sie hasste, wie die Regierung die Fremden „Bündnispartner“ nannte. Sie hasste, wie Journalistinnen von „Heilsbringern“ schwärmten. Und sie hasste, wie sich das Portal in ihre Stadt gefressen hatte, als gehörte es hierher.

Sie lief am Zaun entlang, der das Sperrgebiet abriegelte. Stacheldraht, Kameras, Wachtürme. Das ehemalige Landefeld, das die Regierung bereitwillig für die Sneefs eingezäunt hatte. Plötzlich ein statisches Knistern. Der Ring schrumpfte zusammen, das Licht erlosch – die Übertragung endete. Übrig blieb nur die graue Realität des Flugfeldes. Und dort sah sie sie.

Drill-Soldatinnen. Ein halbes Dutzend, in voller Montur, auf der Innenseite des Zauns. Alles Frauen, und doch so gefährlich, dass sich jeder Mann in die Hose machte, wenn eine von ihnen aufdrehte. Sie waren die Fußtruppen der eigentlichen Herrscherinnen. Der Sneefs. Sechs Stück, hallte es durch ihren Kopf. Sechs Stück dieser Monster haben meinen Mann und seine Einsatzgruppe zu Brei geschlagen.

Die Sneefs zeigten sich nachts nie. Sie schickten ihre Unterdrückten aus der anderen Welt. Die Drills in ihren Uniformen wirkten fremdartig und vertraut zugleich – Rüstungen aus Leder und Metallplatten, durchzogen von glimmenden technischen Vorrichtungen. Jede von ihnen trug diese Haltung, die nie um Respekt bitten musste. Breitbeinig, sicher, gelassen. Ihre Haut war lackschwarz, die Haare ebenso. Ihre Augen waren in der Dunkelheit riesig, schwarz, darin funkelten Sterne. Tagsüber zogen sie ein schneeweißes Schutzlid darüber, was sie noch monströser machte.

Pauline wurde langsamer. Ihr Herz schlug weiter im Laufrhythmus, aber die Luft war plötzlich schwer wie Blei. „…und da wollte der mit dem blonden Haar im Gesicht mir doch tatsächlich von hinten ins Genick treten“, beendete eine der Drills ihre Erzählung. Sie sprach fließend deutsch. Nicht ihre kehlig knurrende Heimatsprache. Sie wollten, dass es jeder Deutsche mitbekam. Die anderen lachten. Ein kehliges, dunkles Geräusch. „Haben die Menschen denn gar keine Ahnung?“, prustete eine andere.

Da waren sie also. Die Frauen, die Frederick, seine Kameraden und ihre Kollegen gedemütigt hatten. Unversehrt. Keine Schramme, kein Verband. Sogar die, die laut Bericht verletzt sein sollte, stand kerzengerade da und grinste hämisch. Pauline kochte. Sie wollte sich abwenden, weiterlaufen. Nicht hinsehen. Nicht reagieren. Aber ihr Blick blieb hängen.

Eine der Drills hob den Kopf, die Nasenflügel bebten. Sie schnupperte. Ihr Gesicht verzog sich fast unmerklich zu etwas, das an eine Hundefratze erinnerte. Pauline wollte den Gedanken sofort bestätigen, doch ihre Ehrlichkeit kam ihr in die Quere: Nein, das war nicht fair. Sie war hübsch. Wie eine Frau eben, mit großen Augen. Lediglich die Unterseite der Nase war rauer, tierhafter. Die Drill hatte Pauline gewittert. Die Geschichten stimmen, dachte Pauline mit einem Schaudern. Was Hunde am Flughafen schaffen, schaffen auch diese schwarzen Teufelinnen.

Die Soldatin drehte sich voll zu ihr um. Ihr Blick ging tiefer, als Pauline ertragen konnte. Alles in ihr schrie: Lauf weg! Oder schlag ihr das Grinsen aus dem Gesicht! Dafür, dass sie so auf deine Titten starrt! Doch etwas hielt sie fest. Ein Gedanke, dunkel und hartnäckig: Vielleicht gibt es eine Möglichkeit. Vielleicht gibt es eine Chance, Frederick wieder zu dem Mann zu machen, der er war. Rache und Heilung. Beides schmeckte in diesem Moment gleich süß. Pauline spürte das vertraute Gewicht an ihrem unteren Rücken. Ihre Hand glitt wie zufällig über die Reißleine ihres breiten Laufgürtels. Zwischen den beiden Wasserflaschen verborgen, wartete die Walther. Ein Ruck, und sie wäre bereit.

Pauline trat an den Zaun. Die Drill kam ihr entgegen. Eine intensive Wolke aus Orangenduft schwappte durch den Maschendraht. Parfüm oder natürlicher Schweißgeruch? Sie wusste es nicht. Ihr Atem stolperte für einen Schlag aus dem Takt.

Die Außerirdische zog etwas aus einer Tasche an ihrem Gürtel – eine Tube. Sie hielt sie hoch wie eine Geste des Friedens.

„Bist du die Frau von dem gutaussehenden Mittelgroßen? Mit dem blonden Fell im Gesicht?“ Pauline funkelte sie finster an. Frederick ist groß. Richtig groß. In allem… Sie brach den Gedanken ab. Vor dieser riesenhaften Frau wirkte Freds Größe plötzlich irrelevant. Sie nickte widerwillig.

„Buchsaibling“, sagte die Drill in akzentfreiem Deutsch. Ihre Stimme war rau, aber klar. Sie schob die Packung durch eine Masche im Zaun. „Heilt Narben. Repariert Gewebe. Bis auf zellulare Ebene.“

 „Mein Mann heilt auch ohne euren Hokuspokus. Vielen Dank!“

„Es wirkt auch den Nebenwirkungen von Steroiden entgegen.“ Ein Grinsen blitzte auf den schwarzen Lippen auf. „Damit sollte es wieder klappen. Zu Hause. Du weißt schon…“

Pauline starrte die Tube an, als hätte man ihr Anthrax angeboten. „Nein.“ Ihre Stimme klang härter, als sie beabsichtigt hatte. „Mein Mann braucht eure Mittel nicht. Er ist ein Mann. Er heilt allein. Und zu Hause klappt alles gut. Woher willst du das überhaupt wissen?“ Die Drill tippte sich an die Nase, sagte aber nichts.

Der Zaun vibrierte leicht im Wind, der Stacheldraht summte leise, als wollte er lachen. Pauline hätte das Metall am liebsten gepackt und geschüttelt, bis es brach. Doch das Gitter aus Ordnung und Stahl stand zwischen ihnen – es hielt sie davon ab, die Drill anzuspringen, und bewahrte sie zugleich davor, von dieser Frau zerlegt zu werden wie ein Stück Fleisch.

Die Drill grinste weiter. Ihre Augen funkelten schwarz im Licht der Feldbeleuchtung. „Männer.“ Sie spuckte das Wort aus wie einen alten Knochen. „Eure sind schwach, wenn sie erwachsen werden. Unsere sind schon mit vier Jahren wahre Tiere.“

Pauline fühlte, wie ihr Puls hochschnellte. Nicht vom Laufen. Vom reinen Zorn. „Dann werft ihr sie einfach weg“, zischte sie. „Wie Müll. Eure ganze Gesellschaft ist krank. Ihr könnt nicht mit Männern leben. Ihr baut eure Mauern, schließt euch ein – Frauen mit Frauen. Zweckgemeinschaften, die ihr euch schönredet, bis ihr sie Liebe nennt.“

„Wir leben, wie wir überleben müssen. Weil unsere Männer ihre Schwäche mit Fressen und Reißen kompensieren.“ Die Drill trat noch einen Schritt näher, so nah, dass der Orangenduft fast betäubend wurde. Trotz der Kälte stieg Pauline die Hitze in den Nacken. Ihr Mann lag zerschlagen im Bett, und die da drüben, diese arrogante Kuh, funkelte sie an, als wäre Pauline das nächste Betthäschen eines Dritte-Welt-Dorfes. „Und wir finden Freude darin. Mehr als ihr in euren Betten, bei euren müden Männern.“

Pauline biss die Zähne so fest zusammen, dass es schmerzte. Das war es, was sie so hasste. Dieses selbstverständliche Frausein, das keinen Mann brauchte. Dieses Leben, das ohne sie funktionierte und trotzdem Zärtlichkeit, Lust und Liebe hervorbrachte. Für Pauline war das widernatürlich. Abstoßend. Ein Verrat an allem, was sie für richtig hielt. An ihren Werten, an ihrer Ordnung und Kultur.

„Ihr seid widerwärtig.“ Ihre Finger krallten sich in den Zaun, der Draht schnitt in die Haut. „Und ich will nichts von euch.“

Sie riss sich los, drehte sich um und lief an. Ihre Schritte hämmerten auf den Asphalt, härter, als ihre Muskeln es wollten. Wut trieb sie. Abscheu. Der Drang, wegzukommen, zu vergessen. Doch nach hundert Metern spürte sie etwas Kühles in ihrer Hand. Pauline blickte hinab – und erstarrte. Die Tube. Sie lag in ihrer Faust, als hätte sie sie selbst gegriffen. Aber sie erinnerte sich an keinen Moment, an keinen Griff durch den Zaun. Da war sie, mit blutroten Lettern beschriftet, das Symbol der Drills tief ins Plastik geprägt. –Buchsaibling Druusa–

„Verdammt!“ Pauline holte aus und schleuderte das Ding in weitem Bogen von sich. Zumindest spielte sich das Bild in ihrem Kopf ab. Sie sah es fliegen, sah es aufprallen. In der Realität lief sie einfach weiter. Immer weiter, immer schneller, bis ihr Herz raste, bis ihre Lungen brannten, bis ihre Beine schrien. Pauline rannte, ohne sich umzusehen. Sie verschwendete keinen einzigen Gedanken mehr daran.

Doch später, viel später, als sie erschöpft nach Hause kam und im Flur den schweren Trinkgürtel ablegte, griff sie nicht in das Waffenfach, sondern in die kleine Vordertasche für Gels und Schlüssel. Ihre Finger schlossen sich um kühles Plastik. Sie zog die Tube heraus. Pauline starrte auf die blutroten Lettern. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie hatte sie wohl nicht weggeworfen. Ihr innerer Schweinehund wollte wohl doch an eine Heilung glauben, selbst wenn sie von „Denen“ kam.


Hokuspokus – oder der Anfang von etwas, das Paulines Welt verändert?
Nicht alles, was heilt, macht Dinge besser. Pauline glaubt, die Kontrolle behalten zu können. Doch ist es das wert?

Bleibt gespannt.

Weiter zu Kapitel 4


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert