Kapitel 2 – Professorin Gnuetisch
Die Nacht dieser Welt arbeitete für sie. Sie verscheuchte die Ängstlichsten dieser Spezies. Übrig blieben nur die Mutigen und die Dummen. Selbst Männchen mieden die Nacht und ihre Artgenossen. Besonders in Berlin war das so. Und noch etwas liebte sie an der Nacht. Gerüche wurden durch die kühle Luft auf den Boden gepresst. Keine Geruchswolken, die unkontrolliert ihren Duft in alle Richtungen verteilten. Der Wind kam von der Bahnstation. Gut. Wer auch immer eine gute Nase wie sie hatte, konnte sie lediglich wittern, wenn sie verdammt aufmerksam war. Und wenn sie aus einem Zug voller Menschen ausstieg? Unmöglich.
Der Verkehr am Landwehrkanal hatte ein gesundes Maß angenommen. Pendler, Frühaufsteher, Lieferanten, Bahnfahrer bildeten ein gutes Gemisch für Augen, Ohren und Drillnasen.
Merala stand im Park und blickte auf ihr Handy. Die Kamera zeigte live Renee Harding auf ihrem Posten. Die CIA Agentin, die ihr beigestellt wurde, war hübsch. Auch wenn sich Merala nicht viel aus Menschenfrauen machte. Die Agentin stand an der U-Bahn Haltestelle gegenüber des Parks und wartete. Sie sah der Reporterin, deren Identität sie gerade missbrauchten, ziemlich ähnlich. Mehr war in der kurzen Zeit nicht drin. Die Zielperson hatte nur ein kleines Zeitfenster zugelassen. Die echte Reporterin auszubremsen, war ein Kinderspiel. Sie würde es nie rechtzeitig hierher schaffen. Eine Agentin in Deutschland zu finden war ein Glück. Doch ob das reichte, musste sie nun beweisen.
Wie diese Agentin beim CIA landen konnte, war Merala ein Rätsel. Es gab Frauen die durchaus das Zeug dazu hatten, Spionin zu werden. Aber die da, die hatte es nicht. Professionell ja, durchaus. Aber Killerin? Werden wir gleich sehen, dachte Merala, obwohl sie die Antwort schon kannte.
Merala grinste, als in ihrer Fantasie das Bild von Renee gegen eine Drill entstand. Renee, die verzweifelt versuchte, die Drill zu erdrosseln, auf die sie beide warteten.
Es war so witzig zu sehen, wie die Amerikaner sich ein Arm und ein Bein ausrenkten, um mit den Drills Geschäfte zu machen. Ein Anruf und sofort wurde ihr eine Agentin zugeteilt. Ihre Hoffnung, einen Vorteil gegen die Sneefs zu bekommen, machte sie beinahe blind. Und Acaugad, oder besser die Umbra, spielten das Spiel mit. Sie konnte es kaum erwarten die überraschten Gesichter der Menschen zu sehen, wenn der wirkliche Plan aufging.
Um ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen, konzentrierte Merala sich auf ihre Füße. Die Erde des Parks fühlte sich herrlich weich an, unter ihren nackten Sohlen. Sie grub ihre Klauen in die Wiese und spürte, wie der Boden nachgab, sich kneten ließ. Drills trugen gern Schuhe. Sie wollen ihre Krallen verbergen. Doch nicht Merala.
Da rollte ein Schatten über die Gleise und Merala gewann ihre Professionalität wieder. Es ging los.
Mit metallischem Quietschen fuhr die U-Bahn in die Station ein. Mit einem Zischen öffneten sich die Türen und die Pendler stiegen aus, stiegen ein. Wenige Minuten später knackte es in ihrem Musik-Ohrstöpsel. Renee hatte ihr Mikrofon mit der Zeitung berührt. Das Zeichen.
Eine groß gewachsene Figur kam aus der U-Bahn-Station. Hut, Mantel, hoch gestellter Kragen, Sonnenbrille. Als hätte die Professorin die Verkleidung aus einem alten Spionage-Streifen raus kopiert. Das machte es lächerlich einfach, die Frau zu verfolgen. Merala machte ein Selfie und packte das Handy weg.
In Jeans, Kapuzenpulli und Deutschland-Parka war sie kaum als Außerirdische zu erkennen. Lediglich die nackten Füße und ihre lackschwarze Haut wären ein verräterisches Merkmal gewesen. Doch dank der Nacht war der Unterschied für Menschenaugen kaum auszumachen. Da jeder zweite Berliner ohnehin schwarzes Schuhwerk trug, achtete niemand auf die fehlenden Sohlen.
Der Parka roch nach Mensch, nicht nach ihr. Der Kaffee war heiß und stark. Reichte hierfür.
„Irene Winters?“, kam die Stimme der Professorin in Meralas Ohrstöpseln an.
„Ja. Professorin Antsi Gnuetisch?“
„Ja das bin ich“, die große Gestalt war an Renee herangetreten und blickte sich um.
Merala war weit genug weg. Die Professorin würde nur eine junge Frau aus der Proletarier-Schicht sehen, die weit entfernt im Park einen Becher Kaffee trank.
„Ich… sie sehen überhaupt nicht aus, wie auf ihren Fotos.“
Die Professorin war sichtlich nervös. Es wurde Zeit, dass die junge Menschenfrau endlich die Infos bekam, wegen denen sie alle hier waren.
„Welche Fotos?“
Merala lief es kalt den Rücken runter. Diese junge Agentin! Sie hatte es Renee erklärt. Und jetzt fragte sie Welche Fotos?
„Die Fotos auf der Seite ihrer Zeitung. Auf ihrem Profil“, ergänzte die Professorin.
„Ach so. Die Fotos. Photoshop. Meine Redakteure wollten die Seite professionell aufhübschen. Aber das tut jetzt nichts zur Sache, Frau Professorin. Sie klangen am Telefon geheimnisvoll. Was haben sie für wichtige Informationen?“
„Ich habe alles hier drin. Dokumente über eine Genforschungsanlage auf ihrem Planeten!“
Merala verschluckte sich fast. Das war zu einfach. Die Professorin hatte die Unterlagen dabei? Damit war Renee vom Haken. Das konnte sie nicht auf offener Straße stemmen. Der Pappbecher verdeckte ihren Mund und sie konnte, ohne aufzufallen ihre Befehle geben, die durch den Musikknopf in ihrem Ohr weitergegeben wurden. „Rabe an alle. Freigabe Exekution. Plan B. Wagen zwo: Straße runter, Ablenkung Höhe Station. Spatz: Ziel zur Flussbrüstung. Rabe übernimmt den Zugriff, Spatz sekundiert.“
Ein alter Lieferwagen, der an der Bushaltestelle mit Warnblinker stand, setzte sich in Bewegung. Schwarzer Rauch quoll aus dem Auspuff.
„Nicht hier, Frau Professorin. Gehen wir etwas abseits.“, bestätigte Renee indem sie die Professorin zum Ufer steuerte. Renee berührte die große Frau am Unterarm und drehte sie von der Straße weg, und mit dem Rücken zu Merala.
Merala warf den Pappbecher weg und ging los. Über die Wiese, noch vor dem qualmenden Auto überquerte sie die Straße.
„Äh nein. Bitte nicht so nah ans Wasser Frau Winters. Wir Drills können nicht wirklich schwimmen. Hat mit unserer Silizium-Ernährung zu tun, sie verstehen sicherlich…“ Die Stimme der Professorin war sichtlich nervös.
„Nein. Nur weg von der Straße Frau Professorin.“
Merala schnaufte wütend. Damit hatte sie den Fokus der Professorin auf die Straße zurück gelenkt. Die große Frau blickte sich um. Merala sah die weißen Augen der Professorin unter ihrer Brille groß werden. Doch es war zu spät für sie. Der Wagen knallte hinter Merala fürchterlich, durch eine Fehlzündung und rauchte jetzt noch stärker. Wenn überhaupt, würden die Berliner jetzt alle auf den alten Lieferwagen achten. Nicht auf die drei Frauen unter der Station am Flussufer.
Merala ging weiter. Mit zwei großen Schritten war sie über die Straße, stieß ihren Handschuh auf die Brust der großen Frau. Es fühlte sich an, als würde sie gegen eine Mauer schlagen – die Dichte ihres Volkes. Sie packte ihren Pullover, achtete dabei drauf, dass ihre Krallen weder ihren Handschuh, noch den Pullover der Professorin beschädigten – Spurenvermeidung. Sie brachte sie aus dem Gleichgewicht. Merala spürte den Körper der Professorin. Schlanker, schwächer, untrainiert, unvorbereitet. Zwei weitere Schritte und die Professorin stieß rücklings gegen die Brüstung der Ufermauer des Landwehrkanals. Das Wasser war tief genug für eine Drill. Mit der Linken riss sie ihr den Umschlag aus der Manteltasche und drückte die Drill mit der Rechten über den Zaun. Die Professorin wehrte sich, fuchtelte mit den Armen, griff nach Meralas Jacke, doch Merala gab nicht nach. Sie ließ die Unterlagen fallen, packte die Hand der Professorin, verdrehte sie. Mit den Klauen ihrer nackten Füße, krallte sie sich in den Beton, machte sich lang und drückte die Professorin über das Geländer.
Renee stand mit der Hand unter ihrem Mantel daneben, die Finger am Griff einer schweren Waffe. Wenn jetzt jemand das Metall aufblitzen sah… Merala funkelte erst sie an, dann Renees Hand, während hinter ihr die Professorin ins Wasser stürzte. Die Agentin begriff sofort und schob den Mantel schützend darüber.
Sekunden später zeugten nur noch Luftblasen von der Existenz der Betrügerin. Und die Berliner regten sich nur über Qualm und Krach auf. Sie liebte diese Stadt, die ihren Job so einfach machte.
Merala und Renee stiegen in den Lieferwagen, der keinen Rauch mehr ausstieß und schnurrend die beiden unterschiedlichen Frauen in den Morgen Berlins entführte.
Der Landwehrkanal ist geduldig.
Doch die Berliner Polizei gilt als gründlich.
Zumindest sagt man das.
Ob dieser Tod unbemerkt bleibt?
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