Monique und die Angst vor dem Happy End

Ich habe mich noch nicht ganz vom Fenster weggedreht, da klopft es schon wieder. Ein kurzes, entschlossenes Tack-tack, als würde jemand nicht anfragen, sondern sich ankündigen.

Die Tür geht auf, ohne dass ich „Herein“ gesagt habe.

Monique Ronneberg.

Lutscher im Mund, Stirn in Falten, Blick wie ein gerichtlicher Beschluss. Sie bleibt einen Moment im Rahmen stehen, scannt den Raum, entdeckt den leeren Blattledersessel, sieht die Cola auf dem Beistelltisch und verengt die Augen.

„Du hast ihn gerade hier gehabt“, sagt sie.

Ich hebe die Brauen. „Wen?“

Monique deutet mit dem Lutscher auf den Sessel, als wäre dort noch ein Abdruck aus Schuld. „Patrick.“

„Ja“, gebe ich zu. „Er hatte Fragen.“

„Natürlich hatte er Fragen.“ Monique marschiert rein und stellt sich vor meinen Schreibtisch, als wäre das hier ihr Büro. „Er hat immer Fragen. Er ist …“ Sie macht eine hilflose Kreisbewegung mit der Hand. „… er ist Patrick.“

„Das stimmt.“

„Und du“, sagt sie und tippt sich mit dem Lutscher gegen die Stirn, „du hast ihn geschaffen. Und du hast ihn auch noch sympathisch gemacht.“

Ich lege eine Hand auf die Teetasse. Nur zur Sicherheit. Monique ist heute in der Stimmung, Dinge zu requirieren. „Das ist mein Job.“

„Nein“, sagt sie. „Dein Job wäre gewesen, ihn irgendwie … unsympathisch zu machen. Oder mindestens normal. Aber nein. Du gibst ihm Herz. Neugier. Mut. Und dann stellst du ihn zwischen Drills, die bei jeder falschen Bewegung so gucken, als würden sie überlegen, ob sie ihn essen dürfen.“

„Die Drills essen keine Menschen“, murmle ich.

„Du weißt genau, was ich meine.“ Monique beugt sich vor. „Er wird ständig fast getötet. Aus Versehen. Und dann lächelt er auch noch entschuldigend, als wäre er schuld daran, dass die Welt um ihn herum scharfkantig ist.“

Ich lehne mich zurück. „Du klingst … besorgt.“

„Ich bin nicht besorgt.“ Monique sagt das zu schnell. Zu hart. Das ist kein Dementi, das ist ein Alarm.

Vidal wäre jetzt hier. Vidal würde sich auf meine Armlehne setzen und flüstern: Sie ist schon verloren. Aber Vidal ist nicht hier. Das macht die Szene gefährlicher, weil ich selber die Pausen halten muss.

„Monique“, sage ich ruhig, „setz dich.“

„Nein.“

„Monique.“

Sie setzt sich. Nicht in den Blattledersessel. Natürlich nicht. Sie setzt sich auf die Tischkante, direkt vor meinen Notizblock, als wolle sie verhindern, dass ich noch mehr anrichte.

„Du hast mir den ersten Jungen gegeben“, sagt sie.

„Ja.“

„Den einzigen.“ Sie fletscht die Zähne. „Den einzigen! Und dann machst du ihn auch noch zu so einem … so einem …“

„Crack?“, helfe ich.

„Ja!“ Monique wirft die Hände hoch. „Überall ist er der Crack. Das ist doch … das ist doch wie in diesen Dark-Romance-Büchern, nur dass er nicht ‚Lord Blutmond von Schloss Irgendwas‘ heißt, sondern Patrick Froeb. Und ich soll jetzt so tun, als wäre mein Herz nicht völlig …“

Sie macht eine Faust, schlägt sie sich einmal gegen die Brust, als würde sie den Rhythmus zurückzwingen wollen.

„… als wäre das nicht völlig unfair.“

Ich nicke langsam. „Unfair ist ein gutes Wort.“

Monique kneift die Augen zusammen. „Tu nicht so klug. Du bist schuld.“

„Ich bin nicht schuld. Ich …“

„Du bist Autor“, sagt Monique. „Das ist dasselbe.“

Ich seufze. „Was genau stört dich? Dass du dich verliebst? Oder dass du dich dabei beobachtet fühlst?“

Monique starrt mich an. Dann, ganz leise: „Beides.“

Da ist sie. Die echte Zwickmühle. Nicht „Hilfe, ich bin verliebt“, sondern: „Hilfe, alle werden daraus etwas machen.“

„Die ganzen Sneefs“, fährt sie fort, schneller jetzt, „die gucken mich an, als wäre ich ein Schild. ‚Oh, die Menschenfrau und der erste Junge, wie süß.‘ Und die Drills …“ Sie schaudert. „Die Drills gucken, als wäre er ein Fehler im System. Und dann komme ich mir vor, als würde ich in einer Geschichte leben, die schon entschieden hat, was ich zu fühlen habe.“

Ich tippe mit dem Finger auf den Tisch. „Du fühlst es trotzdem.“

„Ja!“ Monique schnappt nach Luft. „Das ist ja das Schlimme. Ich hab keine Kontrolle. Ich hab über Vampire nachgedacht.“

„Schon wieder.“

„Ja, schon wieder!“ Sie wird rot vor Trotz. „Weil ‚Vampir‘ wenigstens eine Erklärung ist. Fluch. Hunger. Unsterblichkeit. Irgendeine Regel. Irgendein Grund, warum man sich fühlt wie ferngesteuert. Aber Patrick ist kein Vampir. Patrick ist nur …“ Sie schluckt. „… Patrick.“

„Und genau deshalb macht es dir Angst“, sage ich.

Monique kneift die Lippen zusammen. „Weil es echt ist.“

Ich lasse den Satz kurz stehen, damit er sich setzen kann wie Staub im Sonnenlicht.

„Weißt du, was du gerade tust?“, frage ich.

„Mich beschweren?“

„Du versuchst, dir die Wahl zurückzuholen“, sage ich. „Indem du wütend wirst. Wut fühlt sich an wie Kontrolle.“

Monique schaut mich an, als hätte ich ihr gerade ein Geheimnis geklaut.

„Und“, füge ich hinzu, „du willst nicht, dass Patrick ‚der Eine‘ ist, nur weil er ‚der Erste‘ ist.“

„Ja.“ Sie nickt heftig. „Ich will nicht die werden, die sich an den einzigen Jungen klammert, weil er zufällig existiert. Das ist … das ist so armselig.“

„Es ist nicht armselig“, sage ich. „Es ist menschlich. Aber du hast recht: Es darf nicht dein Käfig werden.“

Monique atmet aus. „Und was machst du jetzt?“

„Ich?“

„Ja, du!“ Sie zeigt mit dem Lutscher auf meinen Notizblock. „Du schreibst doch die Welt. Du kannst doch … keine Ahnung, ihm einen Bruder geben. Oder zwei. Oder fünf.“

Ich lache kurz. „Du willst Auswahl.“

„Ich will Freiheit“, knurrt sie. Dann, leiser: „Und ich will nicht, dass alle denken, ich wäre nur glücklich, weil ich ‚endlich einen Mann hab‘.“

„Du bist nicht glücklich, weil du einen Mann hast“, sage ich. „Du bist verwirrt, weil du jemanden hast, der dich sieht. Und du bist wütend, weil du merkst, wie viele Leute dich jetzt zu einem Symbol machen wollen.“

Monique schweigt. Dann sagt sie, wie aus dem Bauch heraus: „Ich will, dass Patrick nicht meine Story wird.“

Ich nicke. „Gut. Dann wird er das auch nicht.“

„Wie?“

„Indem du ihn nicht rettest“, sage ich. „Und indem du dich nicht retten lässt. Du bist nicht die Belohnung. Du bist nicht die Erlösung. Du bist Monique. Und Patrick ist Patrick. Wenn da was wächst, wächst es, weil ihr euch entscheidet. Nicht weil die Welt Statistik spielt.“

Monique schaut auf den frischen Tee am Fensterbrett. „Caitlin war das, oder?“

„Ja.“

„Die macht das einfach.“ Monique zieht eine Grimasse. „So als wäre Fürsorge kein Vertrag.“

„Für Sneefs ist es oft keiner“, sage ich.

Monique beißt auf den Lutscher. „Weißt du, was meine Schwester sagen würde?“

„Dass du dich aufregst, weil du dich nicht gern abhängig fühlst“, rate ich.

Monique nickt langsam. „Und dass ich Patrick nicht dafür bestrafen darf, dass er der Erste ist.“

„Das ist eine ziemlich gute Schwester“, murmle ich.

Monique rutscht von der Tischkante, steht auf, stopft den Lutscher in den Mund und sieht mich an, als würde sie mir ein Ultimatum unterschieben.

„Also gut“, sagt sie. „Dann schreibst du das so: Ich darf wütend sein. Ich darf verliebt sein. Und ich darf trotzdem frei bleiben.“

„Deal“, sage ich.

Monique dreht sich zur Tür, hält inne, ohne sich umzudrehen. „Und Walter?“

„Hm?“

„Wenn du Patrick wirklich sterben lässt …“ Sie lässt den Satz hängen. Ein Faden. Eine Drohung. Ein Geständnis. Alles gleichzeitig. „Wenn – und nur wenn – dann wird es episch. Und du wirst weinen, aber nicht daran zerbrechen. Du wirst mit erhobenem Haupt deinen Freunden Kraft geben, mit dem Verlust umzugehen. Denn du bist Monique Ronneberg, hart wie Kruppstahl.“

Monique nickt, fast unsichtbar.

Dann geht sie.

Ich bleibe sitzen, schaue auf den leeren Blattledersessel, und auf dem Fensterbrett dampft ein frischer Tee, als hätte Caitlin beschlossen, dass selbst Autoren nicht ohne Wärme auskommen.

„Diese Caitlin …“, murmle ich noch einmal. Und diesmal klingt es fast wie Dank.

Weiter zu Seite 4


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert