Patrick und die Drills: Ein ungebetener Gast
Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke auf den leeren Blattledersessel. Mein Tee ist kalt geworden. Die Sonne strahlt so heftig durch das Fenster, dass er selbst kalt noch schmeckt. Ich nehme einen tiefen Schluck und drehe den Sessel zum Fenster.
Emsiges Treiben in meiner Lieblingsstadt: fliegende Häuser, bunte Sneefs, schwarze Drills und dazwischen immer mehr Menschen. Meine Geschichten kommen wohl an.
Es klopft und Patrick kommt herein. „Hallo, Herr Eiben?“
Mit Nachnamen? Was ist aus mir geworden? Ein alter Professor? Wohl kaum. Aber junge Protagonisten zu schreiben, ist nicht einfach.
„Darf ich?“, reißt mich mein Neuzugang aus den Überlegungen.
„Klar, Patrick. Komm rein, setz dich. Magst du einen Tee? Oder eine Cola? Caitlin kann dir eine bringen.“
„Nein danke, Herr Eiben.“
„Lass das bitte, Patrick. Du bist meine Gestalt und gehörst zu mir, wie ich zu dir. Nenn mich Walter.“
„Okay, Herr Eiben … Walter.“
„Was führt den Sport-Crack der AISD-Uni zu mir?“
„Na ja. Genau das.“
„Dass du sportlich bist?“
„Dass ich der einzige Junge an der Uni bin. Damit bin ich überall der ‚Crack‘. Weil ich ohne Konkurrenz antrete.“
„Na ja, das stimmt so nicht ganz. Im Menschen-Viertel hast du doch jede Menge Jungs, mit denen du dich messen kannst.“
„Das schon.“
„Aber?“
„Wir sind auf Acaugad.“
„Ah, verstehe.“ Mein Blick verdunkelt sich. „Du kannst es nicht ertragen, von Frauen besiegt zu werden?“
„Nein, nein!“ Der Junge wedelt mit den Händen und sieht sichtlich erschrocken aus, dass ich das von ihm denken könnte. „Das ist okay. So sind die Drills nun mal. Das ist okay. Und ich mag starke Frauen.“ Er wird rot und ich grinse.
„Monique ist auch stark.“
Kann ein Junge noch röter werden?
„Sie ist die Tochter einer Bundeswehrsoldatin. Klar ist sie tough.“
„Patrick, hau einfach raus. Was ist dein Problem?“
„Warum habe ich es so schwer mit den Drills?“
Ich lehne mich zurück. Die Frage ist klar, berechtigt und auch nötig.
„Mein Lieber: Nicht du hast ein Problem mit den Drills, die Frauen haben ein Problem mit dir. Du bist der erste erwachsene Mann an ihrer Uni. Sie sind es gewohnt, ihre Jungs mit vier Jahren auszusetzen, da ihnen dann lange Schnauzen wachsen und sie alles töten und fressen, was ihnen in die Quere kommt. Du kennst die unterschiedlichen Entwicklungen zwischen Männern und Frauen auf Acaugad?“
Patrick nickt. Das übliche, zu schnelle Nicken, wenn ein 16-Jähriger nicht zugeben will, etwas nicht zu wissen. Ich seufze. Diese fünf Freunde mit Barger werden eine echt harte Nuss.
„Drills sind genetisch an Hunde angelehnt. Rudelbildende Raubtiere. Die Frauen haben sich zu Intellekt und die Männer zu Gewalt entwickelt. Die Jungs werden im Alter von vier Jahren ausgesetzt. Die Männer übernehmen dann die Aufzucht und Ausbildung ihrer Söhne. Die Frauen leben zurückgezogen in ihren Städten und Dörfern, mit hohen Mauern gegen die Männchen – da die fast zweieinhalb Meter groß werden und alles fressen, was ihnen unter die Krallen kommt.“
„Ah ja … jetzt erinnere ich mich. Außer Frauen in der Brunft.“
„Außer Frauen in der Brunft. Und dann stehst du plötzlich in ihren heiligen Hallen. Das macht was mit ihnen. Verstehst du das?“
Patrick braucht eine ganze Weile, um das zu verarbeiten. Caitlin kommt lautlos herein, stellt dem Jungen eine Coke auf den Beistelltisch und nickt mir aufmunternd zu. Wieder sehe ich, warum Vidal so unsterblich in diese Kellnerin verliebt ist. Sie muss unser Gespräch belauscht haben. Ein Duft von frischer Minze bleibt zurück, als sie mein Zimmer wieder verlässt – genauso geräuschlos, wie sie gekommen ist.
„Dann bin ich gar nicht so trottelig, weil ich immer wieder beinahe getötet werde?“
„Nein. Und Monique kann dich gut leiden. Auch wenn sie das nicht zugeben will.“
„Ehrlich?“ Patricks Augen leuchten. Er blickt sich um, als würde er erst jetzt meine Bibliothek wahrnehmen. Er schaut auf die Flasche, wundert sich kurz, zuckt dann die Achseln und trinkt einen großen Schluck. „Warum schmeckt die Cola in den ‚Kupferdrachen‘ so viel besser als anderswo?“
„Liegt am Sirup.“ Ich grinse, er grinst und geht.
Ich drehe mich wieder zu meinem Fenster und bemerke eine frische Tasse Tee auf dem Fensterbrett. Mit einem Minzblättchen auf der Oberfläche. Genau das, was ich jetzt brauche.
„Diese Caitlin …“
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